Schwieriges Gedenken

Geschichte: Historiker fordert Erinnerungsort für ermordete Deserteure

Seit Sommer 2013 bemüht sich der Historiker Michael Roeder um eine Gedenktafel für einen 17-Jährigen. Er wurde Ende April 1945, wenige Tage vor der Kapitulation, vor dem Haus Uhlandstraße 103 und vor den Augen von Anwohnern, von der SS als Deserteur ermordet. „Es gibt in den Straßen des Bezirks keinerlei Gedenktafel für ermordete Deserteure“, begründet Roeder sein Anliegen.

Zwar würde am Murellenberg Fahnenflüchtigen, Wehrdienstverweigerern und Befehlsverweigerern gedacht, doch könne die abgelegene Gedenkstätte hinter der Waldbühne, das Gedenken an diese Toten nicht übernehmen. Die Uhlandstraße 103 böte sich als innerstädtischer Gedenkort gut an, die Tat sei gut dokumentiert, sagt Michael Roeder. „An dieser Stelle kann an den 17-Jährigen und gleichzeitig an all die anderen erinnert werden, die sich dem Krieg entzogen.“ Und Zeitzeugen hätten noch von weiteren Greueltaten berichtet, nicht nur in der Uhlandstraße, sondern auch in der Ruhr-, der Blisse-, der Dominicusstraße und am Hermann-Ehlers-Platz.

Möglicher Standort

200 Euro Spendengelder hat Michael Roeder inzwischen schon gesammelt. Eine Designerin hat sich zur Mitarbeit bereit erklärt. Weil als Standort einer Gedenktafel nur der Mittelstreifen der Uhlandstraße an der Kreuzung mit der Berliner Straße infrage kommt, hat sich der Historiker Michael Roeder im Juli an die bezirkliche Gedenktafelkommission gewandt. Doch das Gremium unter Vorsitz der BVV-Vorsteherin Judith Stückler (CDU) zögert eine Entscheidung hinaus. Grundsätzlich befürworten die fünf BVV-Mitglieder, die beiden Vertreter der Heimatvereine und Kulturamtschefin Elke von der Lieth eine derartige Gedenktafel. Sie halten es aber für notwendig, ein erweitertes Gremium und eine Projektgruppe einzusetzen. Diese sollen sich einen Überblick über die Gedenkstätten im Bezirk verschaffen und sich mit „der Darstellung der SS-Geschichte im Stadtraum“ beschäftigten. Der Grund für die Skepsis der Kommission: Der Junge trug aus nicht mehr klärbaren Gründen eine Jacke der (Waffen-)SS. Michael Roeder streitet die Problematik gar nicht ab, erinnert aber gleichzeitig an Günter Grass, der seine Rekrutierung gegenüber der Presse so kommentierte: Die Waffen-SS habe in den letzten Monaten 1944/45 „genommen, was sie kriegen konnte“.

Späte Rehabilitierung

Feiglinge, Deserteure, Vaterlandsverräter, Wehrkraftzersetzer – jene Männer, die sich während des Zweiten Weltkrieges dem Kriegsdienst entzogen, mussten sich noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg viele Schimpfwörter gefallen lassen, wenn sie denn überlebt hatten. Erst 1991 rehabilitierte das Bundessozialgericht die Deserteure. Und erst Jahre später, 1998, beschloss der Bundestag ein Gesetz gegen die NS-Unrechtsjustiz. Es wurde bis 2009 zweimal nachgebessert.

Karen Eva Noetzel / Bild: Noetzel, Archiv

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