Neuköllner Zustände

Statistik: Aufstrebender Bezirk bleibt Problemfall / Bezirksamt schweigt zu neuen Studien

Die Debatte um Gentrifizierung kann noch so um sich greifen: Neukölln kommt aus den Negativ-Schlagzeile nicht heraus. Wie zuletzt beim Sozialbericht des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg: Dieser verortet die berlinweit höchste Armutsgefährdung im Bezirk. Auch im Sozialstrukturatlas des Senats bleibt Neukölln Schlusslicht. Muss die Bildungs- und Sozialpolitik im Berliner Süden neu gedacht werden?

Antworten auf diese Frage bleibt dieser Tage das Bezirksamt schuldig. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der mit einem Buch und Zeitungsbeiträgen über Neuköllner Missstände überregionale Bekanntheit erlangte, lässt auf die Zuständigkeit seines verurlaubten Sozialstadtrats Bernd Szczepanski (Grüne) verweisen. Wer sich unter Bezirks- und Bundespolitikern umhört, erhält die Botschaft: Bildungsshancen verbessern und mehr Jugendlichen den Weg vom Schulabschluss zum Start ins Berufsleben ebnen. Schließlich verlässt jeder fünfte Neuköllner die Schule ohne Abschluss. „Das bleibt das dringlichste Problem“, sagt der Neuköllner SPD-Bundestagsabgeordete Fritz Felgentreu. Seine Fraktion hatte im vergangenen Jahr gefordert, das Schüler-Bafög auszuweiten, um Kindern bessere Bildungschancen und einen leichteren Zugang zu höheren Schulabschlüssen zu erleichtern. Im Bildungsausschuss des Bundestags wurde der Antrag allerdings abgelehnt. Auch Felgentreus CDU-Kollegin Christina Schwarzer hält die Schieflage an vielen Schulen für eine der wesentlichen Baustellen. „Wir müssen die Kinder, aber auch deren Eltern wieder für die Schule begeistern“, sagt sie. „Das Modellprojekt Campus Rütli zeigt, dass eine Trendwende möglich ist.“ Bildungspolitik sei aber Ländersache. Im Gegensatz zu Felgentreu erhofft sie sich wenig von Fördermaßnahmen des Jobcenters: „Wenn die Jugendlichen dort angekommen sind, ist es schon zu spät.“ Damit Auszubildende einen Abschluss erlangen, sollten auch Betriebe nach Wegen suchen, sie individuell zu fördern. Für das Schweigen im Bezirksamt hat Schwarzer ihre ganz eigene Erklärung: „Jahrelang hat Buschkowsky den Bezirk, in dem er Politik macht, schlechtgeredet. Vielleicht ist ihm die Lust darauf vergangen.“

Nils Michaelis / Bild: thinkctock.de

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