Verwehte Spuren in der City West

Seit gut 60 Jahren klafft an der Stelle eine Lücke. Noch ist das Grundstück Bleibtreustraße 2 ein sogenannter Pocketpark, Spielplatz und Treffpunkt für die Nachbarschaft zugleich. Es gebe zahlreiche Nachfragen von Investoren, weiß Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Der Ort aber hat eine bewegte Vergangenheit. Die Anwohnerinitiative „mikwe – kultur begegnungen“ will dort keine Bebauung, sondern vielmehr an die Geschichte erinnern und das Areal kulturell beleben.

Wechselnde Eigentümer

1896 wird auf der Parzelle 28 in der „Straße 12a, Abteilung V“ in Charlottenburg ein fünfgeschossiges Wohnhaus fertiggestellt. Im Erdgeschoss befinden sich Läden, darüber vier großzügig geschnittene Wohnungen mit Innentoiletten und Badezimmern. Es ist die Zeit, in der das bis dahin für den Spargelanbau genutzte Gebiet rege bebaut wird. Ein Jahr später wird die namenlose Straße nach dem Maler Georg Bleibtreu (1828 bis 1892) benannt. In dem nächsten Vierteljahrhundert wechseln sich Hauseigentümer und Mieter in der Bleibtreustraße 2 in rascher Folge ab. 1926 erwirbt die jüdische Gemeinde das Haus und baut in Erdgeschoss und Keller eine Mikwe ein, ein rituelles jüdisches Bad. Das nötige reine Wasser speist sich aus einem Regenwasserbecken im Hof.

Erzwungener Verkauf

Während der Nazizeit wird das Haus 1939 zum „Judenhaus“ deklariert. Jüdische Menschen werden hier zwangsweise einquartiert. Sie warten auf ihre Deportation in die Vernichtungslager. 20 Opfer konnten bislang namentlich recherchiert werden. Nur zwei Bewohner der Bleibtreustraße 2 überlebten den Holocaust. 1942 erwirbt die Witwe des Bürgermeisters von Mitte, Walter Brümmel, das Haus. Der Verkauf erfolgt unter Zwang im Rahmen der nationalsozialistischen „Entjudung des Berliner Grundbesitzes“. Die Jüdische Gemeinde sieht von dem Geld nichts. Es wird auf ein Sperrkonto eingezahlt. Den alleinigen Zugriff hat die Gestapo. Am 22. November 1943 wird das Haus bei einem alliierten Bombenangriff schwer getroffen, nur das Treppenhaus bleibt stehen. Ab 1956 ist der Schutt abgeräumt, vom Haus nichts mehr zu sehen. Nach einem langjährigen Rückerstattungsprozess erhält die jüdische Organisation JRSO das Grundstück zurück, übereignet es aber dem Land Berlin.

In einem großen Sommerfest auf dem Areal hat „mikwe – kultur begegnungen“ im vergangenen Jahr auf die Besonderheit des Orts aufmerksam gemacht. Die Bürgerinitiative, die die gleich nebenan tätige Goldschmiedin und Galeristin Sheriban Türkmen ins Leben gerufen hat, will das Grundstück in einen Nachbarschaftstreffpunkt für Lesungen, Konzerte und Kunstaktionen verwandeln.

Karen Eva Noetzel 

WEITERSAGEN

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden. Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter.

Schließen