100 Jahre ganz große Politik

Jubiläum: Die Fassade bröckelt, aber Schönebergs Rathaus bleibt lebendig

Am liebsten hätte Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler alle 320.000 Tempelhof-Schöneberger am vergangenen Freitag zur Festveranstaltung „100 Jahre Rathaus Schöneberg“ eingeladen. „Doch obwohl unser Willy-Brandt-Saal so groß ist, hätte das den Rahmen gesprengt“, entschuldigte sie sich. 60 Bürger hatten als Gewinner einer Verlosungsaktion trotzdem die Möglichkeit, bei der Zeremonie dabei sein zu dürfen. Und sie lauschten gespannt der Festrede der Bürgermeisterin, dem Grußwort des Botschafters der Vereinigten Staaten, John B. Emerson, sowie den beiden ehemaligen Regierenden Bürgermeistern Walter Momper und Eberhard Diepgen, die bei einem Zeitzeugengespräch aus ihrer Zeit im Rathaus erzählten. Hier und da bröckelt die Fassade mittlerweile an dem alten Gebäude. „Vieles hat sich geändert“, sagt Schöttler. Wo früher, im politischen Zentrum West-Berlins, unter Regierenden Bürgermeistern wie Willy Brandt und Ernst Reuter Welt-Politik betrieben wurde, spiele das Rathaus heute nicht mehr auf der großen politischen Bühne. „Heute wird hier Bezirkspolitik gemacht und so ist es richtig“, sagt Schöttler.

Lebendige Geschichte

Manche Dinge sind aber in all den 100 Jahren gleich geblieben. So schrieb die Lokalpresse schon im Jahr 1914 über die schwer zu öffnenden Bronzetüren am Haupteingang. „Und genauso ist es noch heute“, schmunzelt Schöttler, deren Bürgermeisterbüro noch genauso eingerichtet ist wie einst das von Willy Brandt. Und trotzdem bringen neue Generationen frischen Wind ins alte Gemäuer. Das Rathaus ist ein Ort, der offen für alle ist. In der vergangenen Woche fanden hier Chorproben, Dreharbeiten für einen Film, Schachturniere, Workshops, Konzerte statt. Mehr als 185.000 Menschen nehmen jährlich die Dienstleistungen des Bürgeramtes in Gebrauch. Eberhard Diepgen, von 1984 bis 1989 und von 1991 bis 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin, bestätigt: „Dieses Rathaus hat im Vergleich zum Roten Rathaus, in das ich zu meiner zweiten Amtsperiode ziehen musste, so viel mehr Nähe zum Bürger.“ Die Menschen gingen ein und aus, und so soll es auch die nächsten 100 Jahre bleiben.

Sara Klinke / Bild: Sara Klinke

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