Dieser Krach macht Menschen krank

Lärmspaziergang: Eine Initiative will, dass es im Kiez leiser wird

Berlin, du bist so wunderbar – laut. Flugzeuge schießen im Tiefflug an Wohngebieten vorbei. Autos brettern über die Straßen. S- und U-Bahnen quietschen metallen auf ihren Gleisen. Schrille Kreissägen geben den Ton auf den hiesigen Baustellen an und riesige Bohrer wühlen sich durch den Untergrund der Stadt. Wer sich in der Hauptstadt gesittet unterhalten will, sei es bei einem netten Kaffeeplausch, im Biergarten oder nur mal ebenso, hat meist keine Chance. Und nachts ist vom ruhigen Schlaf nur zu träumen. In Berlin leiden fast 340.000 Menschen unter Verkehrslärm. Schienengeräusche, Baustellen und Events nicht inbegriffen.

An 50 Prozent der Hauptverkehrsstraßen müssen die Anwohner tagsüber dauerhaft mit einem Schallpegel von mehr als 65 Dezibel (dB) leben. In der Nacht sind es sogar 75 Prozent des Hauptstraßenverkehrsnetzes mit einer durchschnittlichen Schallstärke von über 55 dB. Das ist weitaus mehr, als die schlafende Bevölkerung ruhigen Gewissens verträgt: „Um gut schlafen zu können, sind 40 bis 45 dB angemessen. Auch in einer Stadt wie Berlin sind zwischen 22 und sechs Uhr morgens 35 bis 40 Dezibel durchaus realistisch“, sagt Christian Kölling, Vorstand des Landesverband Nordost des Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Erbitterter Kampf

Beweis: Das Messgerät zeigt 81 Dezibel

Beweis: Das Messgerät
zeigt 81 Dezibel

Einer dieser lauten Verkehrsknotenpunkte liegt am S-Bahnhof Wedding. Autos, Busse und Motorräder, S- und U-Bahnen, aber auch Flugzeuge liefern sich hier einen erbitterten Kampf um den ersten Platz in der Lärmrangliste. Jetzt hat sich die Initiative „Schöner Sprengelkiez“ vom Quartiersmanagement Sparrplatz der Sache angenommen. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt von Kollegen 2,3 – Bureau für Kulturangelegenheiten, dem Projektbüro stadt&hund und dem Umweltpädagogen Thorsten Haas. Erst kürzlich maßen sie vor Ort den Schalldruckpegel. Zwischen 59 und 85 Dezibel zeigte die Nadel an. Dieser Lärm macht krank: „Als verkanntes Umweltproblem erhöht er nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und führt zu Konzentrationsmangel. Deshalb ist es wichtig, das Bewusstsein der Menschen dafür zu öffnen“, sagt Thorsten Haas, der am 9. Mai den Umweltspaziergang folgen ließ.

Eine tragende Säule für ein ruhigeres Berlin ist der Lärmaktionsplan Berlin, der seit 2008 fortgeschrieben und nicht wie geplant im Mai, sondern erst im September dem Senat vorgelegt werden soll. Er beinhaltet Empfehlungen zur Minderung des Verkehrslärms wie Tempo-30-Zonen in der Nacht und die Sanierung von Fahrbahnen, aber auch ein Berliner Schallschutzfensterprogramm. Die betroffenen Straßenzüge wurden anhand sogenannter Lärmkarten ermittelt. Grundlage der Lärmkartierung sind Lärmindizes für die allgemeine Belästigung und für Schlafstörungen. Werden die Schwellenwerte von 70 dB am Tag und 60 dB in der Nacht überschritten, können Eigentümer von Wohngebäuden einen Förderantrag stellen. Gefördert werden Schallschutzfenster und -außentüren sowie schallgedämmte Lüftungsanlagen.

Um darüber zu informieren, hatte das Projekt „Schöner Sprengelkiez“ Anwohner zum schon erwähnten Lärmspaziergang entlang der lautesten Straßen und Plätze im Sprengelkiez eingeladen. Dabei wurden Lärmsituationen zunächst subjektiv bewertet. Anschließend erfolgte die Messung der Pegel. Den gemessenen Wert verglichen die Teilnehmer mit der Lärmkartierung des Lärmaktionsplans. Der Spaziergang endete in ruhiger Umgebung am Nordufer.

Josephine Klingner / Bilder: Anne Langert, HGHI, Klingner

 

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