Steine gegen das Vergessen

Erinnerung: Die Familie Oppenheimer ist wieder ein Teil von Pankow

„Es ist der Geist der Menschenliebe, der uns zusammengebracht hat.“ Weise Wort gegen das Vergessen, gegen das Regime der Nationalsozialisten und zugleich ein Akt der Versöhnung. Prof. Dr. Amnon Carmi war gemeinsam mit vier weiteren Nachfahren aus Israel angereist, um Dr. Max und Therese Oppenheimer zu gedenken und mit Stolpersteinen an das tragisches Schicksal der jüdischen Eheleute während der NS-Diktatur zu erinnern. Der Künstler und Initiator des Projektes, Gunter Demnig, verlegte jüngst in Anwesenheit der Enkel und Urenkel zwei der Steine in der Breiten Straße 29B, damals Hausnummer 31. Anschließend legten die Angehörigen zusammen mit dem Bezirksbürgermeisters Matthias Köhne, Gerhard Hochhuth von der Stolpersteingruppe Pankow und Lars Holborn von der Gesobau weiße Rosen an der Gedenkstätte nieder. „Ein Stein ist ein Stein, aber die Warmherzigkeit der Menschen kann Steine zum Schmelzen bringen, das Böse überwinden und uns allen eine Botschaft der Hoffnung senden“, sagte Carmi. Jahrelang habe er die Vergangenheit aufzuarbeiten versucht, vieles erst durch die Stolpersteingruppe Pankow erfahren. Sein Großvater Max wurde am 22. Dezember 1860 in Berlin geboren. Über die 20 Jahre jüngere Therese ist hingegen nichts bekannt. Max Oppenheimer besuchte das Friedrichswerdersche Gymnasium in der Dorotheenstraße, begann 1885 ein Studium der Geschichte und Nationalökonomie, der Englischen und Französischen Literatur an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität. 1890 meldete er sich zum Doktorexamen. Zusammen mit Max Bodenheimer und Heinrich Loewe gründete der bekennende Anhänger der zionistischen Bewegung 1893 die Jüdische Humanitätsgesellschaft. Das Haus in der Breiten Straße 31 erwarb er 1906, bewohnte mit Frau Theresa und Tochter Eva die Beletage. Anfang 1936 wurden sie gezwungen, es an die Berliner Sparkasse zu verkaufen. „Auswanderung kam für Max Oppenheimer jedoch nicht in Betracht. Er hoffte, Hitler zu überleben“, erzählt Hochhuth. Doch am 5. Dezember 1941 verstarb Max Oppenheimer. Seine Frau wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später von den Nationalsozialisten ermordet. „Nach nunmehr 70 Jahren kehrt mit diesen beiden Steinen die Familie Oppenheimer nach Pankow zurück“, betont Hochhuth.

PA_S3_02Vor dem systematischen Völkermord lebten im Bezirk rund 1.600 Juden. Fast 1.000 derjenigen, die ermordet wurden, sind namentlich bekannt. „Es ist unsere Pflicht, die Geschichte zu kennen und die Konsequenzen für unser heutiges Leben zu ziehen. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn begonnen wird, Menschen auszugrenzen. In diesem Sinne ist jeder Stolperstein ein Zeichen für eine tolerante Gesellschaft, in der Ausgrenzung und Antisemitismus keinen Platz haben“, sagt Bezirksbürgermeister Matthias Köhne. Ebenso will die Gesobau „diese Erinnerungskultur unterstützen und dafür sorgen, dass diese Geschichten im Stadtbild über die Stolpersteine sichtbar werden und in den Köpfen bleiben, gerade bei den jüngeren Menschen, damit man eben nicht vergisst, was passiert ist“, sagt Geschäftsbereichsleiter Lars Holborn. Insgesamt wurden an diesem Tag neun Stolpersteine verlegt. In der Westerlandstraße 16 im Gedenken an Conrad und Frieda Danziger sowie Emil Leyser, in der Berliner Straße 26 an Sander und Zelba Bengis sowie Dora Herschander und in der Kreuzstraße 13 an Irma Schwarz.

Josephine Klingner / Bilder: Klingner

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