Die Last der Geschichte

Entscheidung: Ob, wie und wann dem jungen Deserteur gedacht wird, will die Gedenktafelkommission im November entscheiden

Da sind gewichtige Historiker, die ein Gedenken an den in den letzten Apriltagen 1945 von der SS in der Uhlandstraße ermordeten jungen Deserteur und andere, die dasselbe Schicksal erlitten, befürworten: der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, oder die emeritierten Professoren Reinhard Rürup, langjähriger Leiter der „Topographie des Terrors“, und Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU. Da sind unterschiedlichste Organisationen und Institutionen, die das Anliegen befürworten: vom Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin über die Bundesvereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“ bis zum Kinder- und Jugendparlament, dem Gemeindekirchenrat der Auenkirche oder der bezirklichen Seniorenvertretung. Da sind weitere wichtige Befürworter wie die Berliner Polizei-Vizepräsidentin Margarete Koppers, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (Die Linke), der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann und seine Vorgängerin Monika Thiemen (beide SPD). Da sind inzwischen 600 Unterschriften unter einen offenen Brief, die dieses Vorhaben unterstützen. Und da sind 1.000 Euro an Spendengeldern für
eine Gedenktafel.

Gleichwohl tut sich die Gedenktafelkommission offensichtlich schwer, über den Vorschlag eines solchen Erinnerns eine Entscheidung zu treffen. Seit mehr als einem Jahr laboriert das nichtöffentliche Gremium aus fünf Mitgliedern der BVV sowie je zwei Vertretern der beiden Heimatvereine und der Verwaltung unter Vorsitz der Bezirksverordnetenvorsteherin Judith Stückler (CDU) an dem Thema herum. Immerhin hat die Kommission nach der Sommerpause den „grundsätzlichen Beschluss“ gefasst, dass diese Gedenktafel kommen soll. Wo genau die pultartige Tafel aus Edelstahl in der Uhlandstraße aufgestellt, wie sie gestaltet sein, wie der gerade einmal fünf Zeilen umfassende Text abschließend lauten und wann die feierliche Enthüllung stattfinden wird, darüber will die Kommission erst im November endgültig befinden.

Der Initiator des Gedenkens an den 17-jährigen Deserteur, der promovierte Historiker Michael Roeder, und seine Mitstreiter müssen sich weiter gedulden. Demokratie und Lokalpolitik dauerten eben, wurde ihm beschieden. Vielleicht weil die Gedenktafelkommission zum Thema erst ein 170 Seiten umfassendes Konvolut zur „Gedenkkultur“ im Bezirk erstellen wollte. Wie Johannes Tuchel bestätigt, wurde der damals 17-Jährige, der aus welchen Gründen auch immer eine Jacke der Waffen-SS trug, an der Ecke Uhlandstraße und Berliner Straße erhängt. Ab Mitte April 1945 sei das Morden an Deserteuren in den Berliner Straßen losgegangen. Das berichten auch Zeitzeugen, die Michael Roeder befragen konnte.

Dasch / Bild: Archiv

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