Erinnerung im Alltag

Stolpersteine in Finowstraße und Flughafenstraße verlegt

Für einen kurzen Moment scheinen sich die Züge von Keri Saphirstein zu verhärten. Als die Stolpersteine für Simon und Sara Deutschkron und deren Tochter Ella ins Pflaster vor dem Haus in der Flughafenstraße 24 eingelassen sind, wirkt sie wie verwandelt. Ein schnelles Foto mit dem Smartphone und schon vertieft sich die 25-Jährige in ein Gespräch. Für die New Yorkerin ist dieser Freitag im März ein ganz besonderer Tag. Mit ihrem Bruder Justin und ihrem Onkel ist sie nach Berlin gekommen, um dabei zu sein, wenn an ihre Ururgroßeltern und die Urgroßmutter erinnert wird, die hier zu Hause waren, bis sie von den Nazis deportiert wurden und in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Stutthof umkamen.

Bildung hilft

Die Liste der Stolpersteine, die der Künstler Günter Demnig bislang in Neukölln verlegt hat, ist lang. Und doch steht jeder Stein für einen verlorenen Menschen und dessen Leidensgeschichte. Auch aus einem anderen Grund ist dieser Tag, an dem insgesamt fünf Stolpersteine verlegt werden, ein ganz besonderer. Auf Initiative der Polizei sind diesmal zahlreiche Vertreter des jüdischen, muslimischen und christlichen Glaubens mit dabei, um ein interkulturelles Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Während Emnig vor dem „Islamischen Kultur- und Erziehungszentrum“ in der Finowstraße 27 zwei Stolpersteine festklopft, trägt Mohamad Taha Sabri, der Imam der Dar Assalam Moschee und der Vorsitzende des NBS – Neuköllner Begegnungsstätte e. V., Details zur Lebensgeschichte der verwitweten Schwestern Senni Singer und Röschen Berliner vor. Im August 1942 kamen die hochbetagten Frauen mit dem ersten großen „Alterstransport“ nach Theresienstadt, wo sie wenige Wochen später starben. Sabri betont die Bedeutung der Toleranzarbeit, die sein Moscheeverein auch abseits von Gedenkaktionen pflege. „In den Freitagspredrigten weisen wir immer wieder darauf hin, dass es unislamisch ist, andere Menschen wegen ihrer Religion oder ihrer Rasse abzulehnen“, sagt er. „Wir gehören zu Deutschland. Daher bekennen wir uns zu Werten wie Respekt und Toleranz und beschäftigen uns mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus.“

Eine Haltung, die die Geschwister Saphirstein in Zeiten zunehmender Meldungen über Antisemitismus in Europa begrüßen. „Das einzige, was gegen diesen Irrsinn und jede andere Form von Ausgrenzung hilft, ist Bildung“, sagt Justin Saphirstein. www.stolpersteine-berlin.de
Nils Michaelis / Bilder: Nils Michaelis

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