Etiketten-Test im Schloss

Geschichte: Matthias Platzeck erzählt Persönliches aus seinem politischen Leben

„Hierbleiber“, „Deichgraf“, „Vorsitzender der Herzen“, „Russland-Versteher“. In der Veranstaltungsreihe „Schönhausener Schlossgespräche“ diskutierte Historiker Robert Rauh mit Brandenburgs ehemaligem Ministerpräsidenten Matthias Platzeck über dessen politische Biografie, aktuell-politische Fragen – und die ihm angehefteten Etiketten. Ein aufgeräumter, gut gelaunter Platzeck unterhält im seit langem ausverkauften Schlosssaal 90 Minuten lang mit Anekdoten und Bonmots. Etwa als er 1989 für den 15. November gemeinsam mit Bürgerbewegten eine Kundgebung im Potsdamer Stadion gegen alle damaligen behördlichen und organisatorischen Widrigkeiten vorbereitete, bis jemand mit der Nachricht kam, die Mauer sei gerade geöffnet worden. Erste Reaktion der um die Früchte ihrer Arbeit fürchtenden Demo-Veranstalter: „Oooch, nö!“

Bewegende Treffen

Als Ungarn wenige Wochen zuvor erstmals den Eisernen Vorhangs auch für DDR-Bürger geöffnet hatte, war Platzeck gerade bei Freunden in Budapest. Plötzlich mit der Möglichkeit der Flucht gen Westen konfrontiert, habe er sich aber bewusst fürs Bleiben und Verändern in der DDR entschieden. Das habe mit Heimatgefühl zu tun, sagt er. Vom ersten Westgeld habe er sich einen Parka gekauft, den er jahrelang mit Stolz und Freude trug, bis schließlich seine Frau einschritt. Bewegt erzählt er von persönlichen Treffen mit Willy Brandt, ersten verbalen Scharmützeln mit Kanzler Kohl, den Höhen und Tiefen der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit der brandenburgischen Politik-Ikone Regine Hildebrandt. Beeindruckt von deren Vogelkenntnissen und Imitationskünsten erinnert sich Platzeck, wie sie als damals als einzige Frau im Potsdamer Kabinett manchen Konferenz-Stillstand unnachahmlich mit dem Satz überwand: „Jungs, ich mach Euch mal die Amsel …!“ Als Platzeck von Kanzler Schröder gefragt wurde, ob er Außenminister werden wolle, sei er in der einen erbetenen Nacht Bedenkzeit von vielen angerufen worden, auch von einigen, die selbst Ambitionen hatten. Als es darum ging, den Bundesvorsitz der SPD zu übernehmen, rief nur einer an, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und sagte: „Ich kann‘s auf keinen Fall machen!“ Seinen allzu schnell folgenden, gesundheitsbedingten Rückzug aus der aktiven Politik beförderten auch seine Töchter mit der Bemerkung: „Papa, nach so lange Zeit in der Regierung brennt auch ohne dich nichts mehr an.“ Sie sollten Recht behalten, meint Platzeck heute. Wie viel Druck von ihm abfiel, merkte er nach dem Rücktritt: „Plötzlich ging es mir mit einem Schlag wieder besser.“ Apropos Amtszeiten: Er hege große Sympathie für die amerikanische Regel, nicht länger als zwei Legislaturperioden im Amt bleiben zu dürfen. Sowohl aus eigener Erfahrung als auch mit Blick auf die Geschehnisse in und um Russland. In den ersten acht Jahren seiner Amtszeit habe Putin Russland stabilisiert. „Er hätte dann einfach nicht mehr antreten sollen“, kritisiert Platzeck an diesem Abend überraschend deutlich Russlands nationalistisch und isolationistisch geprägte Entwicklung seither. Er habe seinen Freunden in Moskau auch die Frage nicht erspart, sie sollten einmal überlegen, warum das russische Vorbild so wenig Anziehungskraft auf andere Länder ausübe.

Bedeutendes Berlin

Moderator Robert Rauh erspart Platzeck auf Berliner Boden nicht die Frage, welche Stadt er besser finde, Berlin oder Potsdam? Ganz Medienprofi meistert Platzeck aber auch diese Klippe. „Potsdam ist schön, Berlin bedeutend!“

Michael Hielscher / Bild: Michael Hielscher

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