Mit der Kamera die neue Welt entdecken

Soziales: Wie Flüchtlingskinder mit Berlin-Fotos ihre Vergangenheit verarbeiten

Sie haben ihre Heimat verloren, Tod und Gräueltaten erlebt. Vielen fällt es schwer, über das zu sprechen, was hinter ihnen liegt. Aber manchmal sagt ein Foto mehr als 1.000 Worte. Aus diesem Grund waren jetzt 14 jugendliche Flüchtlinge mit der Kamera in Berlin unterwegs, um ihre neue Welt zu entdecken und die Vergangenheit zu vergessen.

Pädagogische Wirkung

„Wir wollen den Jugendlichen technische Grundschritte der Fotografie vermitteln. Aber es geht nicht um Professionalität, sondern um Spaß und pädagogische Wirkung“, erklärt Katharina Mouratidi, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Humanistische Fotografie (GfHF). Zusammen mit Dr. Maren Ziese vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e. V., der visuellen Journalistin Lela Ahmadzai, der Sozialpädagogin Murwarid Basir und der Künstlerin Anke Göhring leitet Mouratidi das Projekt. In den letzten vier Monaten erkundeten die Teilnehmer Berlin: Von der hell erleuchteten „Mall of Berlin“ bis zum tristen Übergangswohnheim in Marienfelde. Die Kamera ist immer griffbereit. „Manche der Kinder konnten kein Wort Deutsch, als sie zu uns kamen. Jetzt unterhalten wir uns sogar schon über deren Eindrücke und Fotos“,
sagt Ahmadzai.

Ob Afghanistan, Syrien, Tschetschenien oder die Türkei: Jedes Kind hat seine eigene dramatische Geschichte. Dasselbe gilt für ihre Fotomotive: Graue Häuserfassaden, leere Straßen gepaart mit lachenden Selbstportraits und unbeschwerten Glücksmomenten. „Die Kamera ist eine Art Zwischenschaltstelle. Mit ihr gehen die Kinder auf Entdeckungstour und zeigen uns, was sie bewegt und fasziniert“, so Mouratidi. Thematisch arbeiten die Teilnehmer ihre Vergangenheit auf, schauen ins Hier und Jetzt und träumen von der Zukunft. Das führt nicht selten zu emotionalen Zwischenfällen. Mouratidi und ihre Kolleginnen berichten von einem verregneten Tag am Bahnhof Friedrichstraße. Vor dem Denkmal „Züge ins Leben – Züge in den Tod“ blieben die Jugendlichen lange stehen, fotografierten jedes Detail. Die Verbindung war sofort spürbar, obwohl keiner mit der deutschen Geschichte vertraut war.

Unterstützung gibt es von Schülern der Evangelischen Schule in Mitte. Mit ihnen lernen die Flüchtlinge nicht nur ihre neue Heimat kennen, sondern berichten auch von der alten. Das Motto: Miteinander voneinander lernen. So sind schon jetzt Freundschaften entstanden, die sicher über das Projekt hinaus bestehen bleiben. Freundschaft ist das Wort der Stunde. Ohne sie gäbe es das Projekt nicht. Darin kooperieren Bildungsministerium, Vereine und Aktivisten. Die Ergebnisse der Fototouren werden ab 26. Juni im Willy-Brandt-Haus in Kreuzberg ausgestellt – die Auswahl treffen die jungen Fotografen in den kommenden Monaten selbst. Zur Vernissage stehen sie allen Interessierten persönlich Rede und Antwort und geben Einblick in ihre ganz persönliche neue Welt in Berlin.

Viktoria Graf / Bilder: GfHF 2015

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