Von der Brache zur Erinnerung

Kino: Der Dokumentarfilm „Das Gelände“ wirft einen Langzeitblick auf die „Topographie des Terrors“

Kaum ein anderer Ort steht so deutlich für die Brüche und Umbrüche in Berlin wie das weite Areal des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors an der Niederkirchnerstraße. Bis 1945 die Zentrale der nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungspolitik, wuchs nach dem Kriegsende und dem Mauerbau buchstäblich Gras über die Geschichte dieses Ortes – bis  er Ende der 80er- Jahre wieder dem Vergessen entrissen wurde. Der Dokumentarfilm „Das Gelände“, der jetzt im Kino anläuft, zeichnet diese Geschichte nach.

Vergessene Brache

Der Filmemacher Martin Gressmann erinnert sich genau daran, was ihm  seine Großmutter aus den Jahren unter Hitler berichtet hatte. „Geh‘ bloß nicht durch die Prinz-Albrecht-Straße!“, raunten sich die Menschen damals zu. Unweit des belebten Potsdamer Platzes hatten die Nazis ganz bewusst das Geheime Staatspolizeiamt mit eigenem Gefängnis, die Reichsführung-SS und das Reichssicherungshauptamt angesiedelt – eine einschüchternde Demonstration ihrer Macht. Mitte der 80er Jahre war davon eine verwilderte Brache im Schatten der Mauer geblieben, wo im Winter Kinder rodelten. Während dieser Zeit setzt Gressmanns Film ein. Mit seiner Kamera fängt er ein, wie sich der Ort verändert und schwer greifbar bleibt. Wie einige Geschichtsbewusste in einer Freiluftausstellung die Spuren des Terrors freilegen und damit den Grundstein für das heutige Dokumentationszentrum legen, dessen Eröffnung im Mai 2010 langjährige politische Querelen vorausgegangen waren. Wie aus einer vergessenen Brache ein Ort im Herzen der Stadt wurde. Und wie dieser Schauplatz der Geschichte die Entwicklung der gesamten Stadt widerspiegelt. Dabei werden auch vermeintliche Nebensächlichkeiten bedeutsam.

Gressmanns Film ist eine Serie von Begegnungen mit einem zugleich vertrauten und fremden Ort, die sich bis ins Jahr 2013 erstrecken. Seine spröden 35-Millimeter-Breitbild-Aufnahmen ergeben einen ruhigen Erzählfluss, der mitunter Geduld erfordert, aber eben auch eine behutsame Annäherung an die Langzeit-Brache ermöglicht. Zugleich nimmt er immer wieder das Zwiegespräch mit seiner Großmutter auf. So ergibt sich eine mitunter irritierende Intimität. Der große Kontext ist dennoch präsent, wenn auch eher schlaglichtartig: In nicht näher zu- oder eingeordneten Kommentaren aus dem Off kommen Forscher, Politiker  und weitere Experten zu Wort, die den Weg von der Terror-Zentrale zum Museum erklären und zum Teil selbst begleitet haben. So bleibt das Dokumentationszentrum und dessen Umgebung auch ästhetisch das, was sie sind: Ein Mikrokosmos mit mehreren Vergangenheiten. Wer ihn für sich erschließen will, braucht Zeit und muss genau hinsehen.

„Das Gelände“ ist vom 21. Mai bis zum 27. Mai im fsk Kino am Oranienplatz in Kreuzberg (Stegitzdamm 2) zu sehen.

Nils Michaelis / Bild: Stiftung Topographie des Terrors

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