Ein ziemlich zugiger Ort

Bahnhof: Das neue Gebäude im Gesundbrunnen ist eine Reise nicht wert

Wer sich dem neuen Bahnhof Gesundbrunnen nähert, muss den Eindruck gewinnen, den Menschen im Wedding fehlt es an Imbissbuden und Toiletten. Wie sonst ist zu erklären, dass als Erstes die „Locklichtmittel“ von Kebab-Haus, Curry 65, McDonald‘s, Back-Factory und Sanifair ins Auge fallen? Was aber einen richtigen Bahnhof ausmacht – die Momente des Wartens, Ankommens und Verabschiedens, dies alles will hier nicht gelingen. Denn diese Momente brauchen Räume. Diese gibt es aber hier nicht. Wer einen windgeschützten Aufenthaltsort sucht, muss sich in einen Systemgastronomiebetrieb begeben und dafür bezahlen. Einzig die sogenannte Wiener Feinbäckerei versucht, Gemütlichkeit zu produzieren und zwar mit einer aufgeklebten Backsteinsimulation. Das hier offensichtlich umgesetzte Prinzip Stütze-Dach-Glaswand ist keine Erfindung der Neuzeit. Und spätestens mit Mies van der Rohes Pavillon namens Neue Nationalgalerie auch in Westberlin zu Hause. Die ursprünglichen Pläne sahen, in Ergänzung zu den tief gelegenen Bahnanlagen, ein Empfangsgebäude mit fünf Türmen vor. Sie sollten den Platz selbstbewusst akzentuieren und in ihrer Backsteinfassade, den Fensterbändern und den Aufbauten die sachlich-expressionistische Architektur der nahe gelegenen Gartenstadt Atlantic zitieren. Im Bahnsteigsbereich wurden die Pläne umgesetzt, doch auf der Betonplatte blieb‘s leer.

Erst als 2004 der damalige Baustadtrat Schimmler beim Senat nachfragte, ob einem der größten und wichtigsten Nah- und Fernbahnhöfe Berlins nicht ein Empfangsgebäude zustehen würde, das zumindest mit Wittenberge oder Castrop-Rauxel mithalten kann, wurde die Deutsche Bahn aktiv. Am Ende entschied sie sich aus finanziellen Gründen für die offene Pavillon-Variante. Trotzdem stiegen die Kosten von geplaten sieben auf 14 Millionen Euro. Bleibt ein Blick auf des Wesentliche: der Service am Bahnkunden und der Verkauf von Fahrkarten. Im Vergleich zeigt sich, dass die Fläche des amerikanischen Hamburger-Anbieters sechsmal so groß ist wie die des Reisezentrums. Auch ein weiterer Vergleich lohnt: Die Bahn räumt dem Servicepersonal mit seinen fünf Verkaufsschaltern nur ein wenig mehr Platz ein als der Toilettenanlage.

Eberhard Elfert / Bild: Elfert

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