Vorsprung durch Vorlesen

Bilderbuchkino: Bezirksbürgermeisterin und Staatsministerin sehen Chancen für Ausbau des Bildungsprojektes

Der Ablauf ist immer derselbe: Vorhänge zuziehen, Beamer anwerfen, die Leinwand ganz hell und dann kommt der Auftritt von Mathias Neumann. Er ist Geschichtenerzähler im „Bilderbuch-Kino“. Die Institution wurde 2006 von der Bürgerstiftung Berlin und der F. C. Flick Stiftung ins Leben gerufen. Sie kommt vor allem Kindern, die noch kein Deutsch können, zugute. Die drei Willkommensklassen der Eduard-Mörike-Grundschule sucht Mathias Neumann wöchentlich auf. Zwölf Kinder versetzt der Vorleser pro Sitzung in Verzückung – zum Beispiel mit Goethes Zauberlehrling. „Walle! Walle! Manche Strecke …“, tönt es und im Hintergrund erscheint das passende Bild, sorgfältig eingescannt, im Großformat. Manche sind erst knapp ein Jahr in Deutschland, andere schon drei. Im „Bilderbuchkino“ macht das keinen Unterschied. Jeder darf sich beteiligen: Warum ist das Haus vom Hexenmeister schief? Warum heißt es eigentlich Axt und nicht Hammer? Die Kleinen sind kritisch, wenn ihnen ein Bild komisch vorkommt, muss das gesagt werden. Mathias Neumann korrigiert kleine Fehler ganz nebenbei, erklärt neue Wörter und schlüpft in jede vorstellbare Rolle.

Ausbau möglich

Über 380 Lesepaten sind täglich in Kitas und Schulen unterwegs, lesen auf Deutsch, Türkisch oder Arabisch in Familien- und Jugendzentren. „Vielen Kindern wird zu Hause zu wenig oder gar nicht vorgelesen. Mit diesem Projekt fördern wir die Sprachentwicklung und laden dazu auch Eltern ein“, sagt Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Sie ist seit Jahren aktive Unterstützerin des „Bilderbuchkinos“ und setzt sich dafür ein, dass Schulen auch in den Ferien für solche Projekte geöffnet bleiben. Ein Bilderbuch-Neuling ist Aydan Özoguz (SPD). Die Staatsministerin und Migrationsbeauftragte der Bundesregierung wird sofort in den Bann der Zauberwelt gezogen: „Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum die Schüler vom Bilderbuch-Kino so fasziniert sind. Hier werden die Kinder von der ersten bis zur letzten Minute fürs Deutschlernen begeistert.“ Obwohl es schon über 40 Standorte gibt, sehen Giffey und Özoguz eine Chance auf Ausbau.

Verborgene Talente

„Im Moment haben wir in Neukölln besonders viele Flüchtlinge aus Rumänien und Bulgarien. Das Bilderbuchkino kann aber für alle Sprachen und Herkunftsländer sinnvoll sein“, so Giffey. Deutsch sei wichtig, die Muttersprache sei es auch. Am besten wäre „ein gesundes Gleichgewicht“. Damit noch mehr Kinder und deren Familien erreicht werden können, sei jede Hilfe willkommen – ob als Zeit- oder Geldspende. Und wer weiß, vielleicht schlummert in dem einen oder anderen ein verborgenes Vorlese-Talent, das nur auf seinen Einsatz wartet.

www.buergerstiftung-berlin.de

Viktoria Graf / Bild: Viktoria Graf

WEITERSAGEN