Spielerparadies Brunnenstraße

Stadtentwicklung: Ehemalige Flaniermeile beherbergt immer mehr Zockerbuden

Die Postfiliale ist weg, das Ladengeschäft des Kopierladens steht seit kurzem leer, zwei Supermärkte haben geschlossen, die Coworking-Studios sind Geschichte. Ende Juni verlässt ein weiterer Hoffungsträger den Weddinger Teil der Brunnenstraße: das Kreativzentrum Supermarkt. Jetzt ärgern sich die Anwohner über die Eröffnung eines weiteren Wettbüros im ehemaligen Hostel am U-Bahnhof Voltastraße. Sie finden, dass es mit der Brunnenstraße immer weiter bergab geht.

Die Brunnenstraße war einst eine lebendige Einkaufs- und Vergnügungsmeile. Der Teil auf heutigem Weddinger Gebiet hatte seine Blüte vor über 100 Jahre – als die Heilquelle und der Kurbetrieb nahe der Badstraße die Gegend belebte. Ihre beste Zeit hat die Straße hinter sich: Mit Schließung der Heilquelle, der Kahlschlagsanierung und dem Mauerbau fiel die Straße aus ihrem gewachsenen Gefüge. Die Bemühungen und Konzepte, die Gewerbestruktur in der Brunnenstraße zu verbessern, greifen nur teilweise. In den letzten Jahren haben immer mehr Spielcasinos und Wettbüros die leer stehenden Gewerberäume übernommen. Als 2010 ein großes Casino in einem der Pavillons am U-Bahnhof Voltastraße eröffnete, war man auch beim kommunalen Wohnungsunternehmen Degewo verärgert. Die Degewo bemüht sich seit Mitte der 90er Jahre um die Stabilisierung des Brunnenviertels. „Als offensives Zeichen gegen das Casino haben wir direkt daneben eine Spielsuchtberatungsstelle eingerichtet“, erklärt die Degewo die Eröffnung des Beratungspavillons direkt neben der Spielhalle. Dieses Zeichen konnte die Entwicklung jedoch nicht aufhalten.

Aktuell befinden sind auf den betreffenden 100 Metern Brunnenstraße insgesamt sieben Spielstätten und Wettbüros. Als im Frühjahr das Hostel am U-Bahnhof Voltastraße auszog, ahnte niemand, dass hier eine Sportsbar eröffnen würde. Doch in der letzten Woche konnte es jeder sehen. „Ich dachte, wir wollten versuchen, die Anzahl der Spielhallen zu reduzieren?“, ärgert sich eine Anwohnerin. Eine Gewerbetreibende aus einem nahen Geschäft fragt, wie so etwas direkt unter einer Kita möglich ist.

Auch das Quartiersmanagement ist überrascht von dem neuen Mieter und hat angekündigt, sich an die Bezirksverordneten zu wenden. Viele der wütenden Wortmeldungen im Kiez drehen sich in diesen Tagen auch um das Berliner Spielhallengesetz, mit dem die Eröffnung von immer mehr Spielhallen verhindert werden soll. Zu den Auflagen gehören ein Mindestabstand von 500 Metern zwischen zwei Casinos und eine Begrenzung der Automaten pro Halle. Außerdem dürfen Spielhallen nicht in der Nähe von Kinder- und Jugendeinrichtungen eröffnet werden. „In dem Haus ist doch ein Kindergarten. Wie kann das nur sein? Wer genehmigt denn so etwas“, fragt eine Passantin, die nicht versteht, wieso genau an dieser Stelle ein Wettbüro eröffnen darf. Doch ein Wettbüro ist kein Casino und seit Casinos per Gesetz stark reglementiert werden, schießen die Wettbüros nur so aus dem Boden. Nach Ansicht der wütenden Brunnenviertler ist das eine Lücke im Gesetz, die die Politik schließen muss.

Andrea Walde (Text und Bild)

WEITERSAGEN

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden. Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter.

Schließen