Unser Kiez als Kunstobjekt

Kultur: Eine Ausstellung zeigt Steglitz von seiner kreativsten Seite.

Wie unterschiedlich Sichtweisen auf den Bezirk und seine Wahrzeichen sein können, wurde zuletzt im Frühjahr deutlich, als der Verkauf des „Steglitzer Kreisels“ vermeldet wurde. Während mancher Bezirkspolitiker dem Gebäude einen zentralen Stellenwert für den Bezirk einräumt, hält es einer der prominenten Nachbarn, Schloßtheater-Chef Dieter Hallervorden, offenbar für eine Bausünde: „Eine geschlossene Psychiatrie für Architekten, die solche Sch… bauen“ würde er in dem Wahrzeichen unterbringen.

Faszination am Stadtrand

Die Steglitzer Künstlerin Stephani Bahlecke wiederum tauchte das Gebäude kürzlich auf bearbeiteten Fotos in bunte Farben – und machte aus der zentralen Bausünde kurzerhand ein Kunstobjekt. Mit ihrem Verein „Kunst.Raum.Steglitz“ zeigt sie in den nächsten zwei Wochen noch weitere Perspektiven auf den Berliner Südwesten: Dann gibt es unter dem Motto „STEGLITZ – wie sehen Künstler den Bezirk?“ verschiedenste kreative Sichtweisen, von der Malerei und Skulptur bis zu Lesung und Gespräch. „Gemeinhin gelten Mitte, Charlottenburg und Kreuzberg als das Dorado der Kunstszene in dieser Stadt. Diesem wollen wir etwas entgegensetzen. Acht vollkommen verschiedene Künstlertemperamente zeigen mit unterschiedlichen gestalterischen Ansätzen und Stilrichtungen, was für sie die Faszination des Berliner Südwestens ausmacht“, meint Bahlecke. Unter ihnen ist etwa Silja Korn, die man vielleicht als einen Beethoven der darstellenden Kunst bezeichnen kann. Denn wo dieser trotz Taubheit seine unsterblichen Stücke komponierte, malt Korn Bilder – und das, obwohl sie im Alter von zwölf Jahren bei einem Unfall ihr Augenlicht verlor. Ihre Werke, die sie aus dick aufgetragener Farbe mit Pinsel, Spachtel und Händen herstellt, sind deshalb auch für blinde Betrachter zugänglich – aus Pasten, Sand und weiteren Materialien entsteht eine ertastbare, reliefartige Oberflächenstruktur. Dem Anspruch der Veranstalter, „Sichtachsen zu ändern“ und „neue Perspektiven zu erschließen“, dürfte hier vollständig gerecht werden. Aber auch andere Arbeiten, die bis zum 17. Oktober im „Kunstraum“ in der Markelstraße 60 ausgestellt werden, eröffnen den Besuchern neue Einsichten. So präsentiert die Malerin Dorothea Weise karikaturhafte Ölgemälde – und ihre Kollegin Dörte Lützel-Walz lässt den Farben auf ihren Bildern wortwörtlich den freien Lauf. Begleitet wird die vielseitige Ausstellung dabei von einem bunten Rahmenprogramm. Am 7. Oktober findet unter dem Titel „Heinrich – oh Heinrich“ ab 20 Uhr beispielsweise eine Lesung zum 238. Geburtstag von Heinrich von Kleist statt. Und am 14. Oktober liest Maria Hartmann um 19 Uhr zu „Leo Borchard und der Titania-Palast – Aufbruch und Ende einer Ära.“

Gemeinsam diskutieren

Während dieser bedeutende Dirigent heute nur noch als Namenspatron im Bezirk präsent ist, können die ausstellenden Künstler im „Kunstraum“ hautnah bewundert werden. Am 9. Oktober treffen sie sich um 19 Uhr zum Gespräch unter Moderation der Kuratorin Carolina Pretell. Zu dem sind sie an einzelnen Tagen während der eigentlichen Ausstellung persönlich anzutreffen: Am 8. Oktober steht etwa Simone Westphal Rede und Antwort, die schon häufiger im Bezirk ausgestellt hat. Und am 14. Oktober können Kunstfreunde mit Vereinsgründerin und Fotokünstlerin Stephani Bahlecke beispielsweise diskutieren, welches künstlerische Potenzial der Steglitzer Kreisel tatsächlich hat.

Philip Aubreville / Bild: Stephani Bahlecke

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