Teilen als Geschäftsmodell

Wirtschaft: Start-up Leihbar sucht nach neuen Wegen in der Sharing Economy.

Jeder kennt das: Es lockt ein wahres Schnäppchen, aber das Gewissen meldet sich: Da ist der Zettel im Hemd, auf dem steht „Made in Bangladesh“, der Eierkarton trägt die Aufschrift „aus Bodenhaltung“; man erinnert sich an die Berichte im Fernsehen über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in asiatischen Fabriken, an die Bilder der zusammengepferchten Tiere im engen Stall voller Fäkalien. Aber all zu oft unterliegt das Gewissen in diesem Kampf. Wie sonst ließe sich etwa der Erfolg von Ultrabillig-Ketten erklären?

Konflikt beilegen

Genau diesen Konflikt zwischen Geldbeutel und Gewissen versucht jetzt ein junges Berliner Unternehmen beizulegen. „Leihbar“ ist im August mit seinem Verleihdienst gestartet. Das Prinzip: ganz einfach. Online wählt man aus einer Liste von Produkten des alltäglichen Bedarfs das aus, was man gerade braucht – seien es Werkzeuge, Haushalts- und Küchengeräte oder Freizeit­equipment. Danach wählt man die gewünschte Mietdauer, den Abholort und kann am nächsten Tag das gewünschte Produkt in einem der Partnershops in Kreuzberg, Friedrichshain
oder Neukölln abholen.

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Geschäft trifft auf Theorie

Diese Abholstationen sind Kioske und Spätis, die das gewünschte Produkt dem Kunden übergeben. An öffentlichen Orten wie Studentenwohnheimen wird es auch Automaten geben, aus denen man sich das gewünschte Produkt einfach holen kann. Aber wie sollen geliehene Bohrmaschinen Gewissensbisse heilen? Geschäftsführer und Mitgründer von Leihbar Andreas Arnold erklärt es so: „Wir machen das Richtige einfach, alltagstauglich und begehrenswert – und damit zur besten Option. Damit Produkte und deren Rohstoffe in einer Kreislaufwirtschaft geführt werden können, streben wir nach einer Welt, in der Menschen nutzen statt zu besitzen.“

Leben geändert

Die Idee dafür stammt aus Indien. Während eines Praktikums bei der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit stellte Arnold fest, dass die Menschen in Indien teure Dinge, die aber selten benutzt werden, kaum selbst besitzen. Aufgrund der großen Armut in dem Land ist es für die Menschen schlicht unmöglich jedesmal alles zu kaufen, was sie benötigen. Stattdessen existiert ein informeller Leihmarkt, über den man sich sogar Möbel mieten kann. Was in Indien aus der materiellen Not geboren wurde, greifen Arnold und seine Kollegen, mit denen er zusammen im Rahmen eines Angebots der TU Berlin das Projekt startete, auf. Wenn das wiederholte Leihen die Kette von Kaufen und Wegwerfen ersetzt, dann ändert sich das Leben des Produkts von einer Linie zu einem Kreis: Mehr Menschen können länger und für weniger Geld etwas davon haben. Die ersten Wochen des neuen Unternehmens waren zumindest sonnig, wie Geschäftsführer Arnold berichtet: „Bei den sommerlichen Temperaturen war es nicht verwunderlich, dass besonders unsere Eismaschine und unser tragbares Soundsystem häufig geliehen wurden.“

Gregor Ottow / Bilderr: Leihbar

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