Plötzlich saß die Welt am Tisch

Advent: Frauen erzählen ihre schönsten Weihnachtsgeschichten.

Zuhören, nicht unterbrechen oder kommentieren. „So können Geschichten ineinander weben – Teppiche entstehen“, sagt Germanistin Katrin Rohnstock (zweite von rechts), Inhaberin von „Rohnstock Biografien“ an der Schönhauser Allee. Genau dies sei der Gedanke hinter ihren „Erzählsalons“. So können „Erfahrungen weitergegeben und Gemeinschaft gestiftet“ werden. Passend zur Adventszeit fand jetzt der alljährliche „Weihnachtsgeschichtennachmittag“ statt. Eingeladen waren langjährige Begleiter.

Erinnerung erwacht

Der „Erzählsalon“ ist ein großer, gemütlich beleuchteter Raum mit geschmücktem Tisch, reich gedeckt mit Kaffee, Tee und Kuchen. Die Gäste begrüßen sich, stellen sich vor – alle siezen sich freundlich. Die Erzählfreude ist groß und schon bald beginnen Erinnerungen zu neuem Leben zu erwachen. Für Marianne Widmaier, geboren zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, war das zwölfte Weihnachten der Aufbruch in eine neue Welt – sie bekam einen Opern- und Theaterführer geschenkt. Mit glänzenden Augen erzählt sie davon, dass „Jahrzehnte mit unzähligen Opern- und Theaterbesuchen“ folgten. Die lange Sehnsucht nach Schnee blieb für Eva Bravosimkova, zu gleicher Zeit in Chile als Kind tschechischer Eltern aufgewachsen, in Erinnerung. Ihre Eltern sangen immer Weihnachtslieder aus der Heimat, aßen Knödel und machten Nachmittagspicknicks im warmen chilenischen Dezember. Mit acht Jahren erstmals im Winter in Europa war sie erschrocken, „wie kalt Schnee ist“. Das erinnerte Marlene Schneider, eine der jungen Praktikantinnen der Rohnstock-Biografien, an ihr Austauschjahr in Südafrika. Auch hier war Weihnachten im Hochsommer. Auf dem Weihnachtsbaum lag Kunstschnee und es gab sehr viel zu Essen. Allerdings „aßen alle mit ihrem Teller auf dem Schoß vor dem Fernseher“. Und für Vera Vogel-Lamprecht, stolze 90 Jahre alt, war Weihnachten immer ein „Fest voller Gesang, hausgemachten Plätzchen und Kerzenlicht“. Zusammen mit ihrer Schwester verbrachte sie viele Feste in einem Internat in Schlesien, fern der viel arbeitenden Mutter. Für Gastgeberin Katrin Rohnstock war es ein gelungener Nachmittag. Sie freut sich darüber, dass sie ein paar Gäste einlud – und „plötzlich saß die ganze Welt am Tisch“.

Geschichten bewahren

Der „Weihnachtsgeschichten-Erzählsalon“ ist nur eine der Erzählreihen seit Beginn des Unternehmens vor 17 Jahren. Für ihren „Ost-West-Salon“ erhielt Frau Rohnstock 2010 den Frauenbrücke-Preis für die innere Einheit in Deutschland. 2006 war ihre Idee als „Ort der Ideen“ ausgezeichnet und sie selbst später als „Berliner Unternehmerin des Jahres 2012/2013“ nominiert worden. Ihre Biografiker bewahren solche Erinnerungen in Auftragsbüchern. Damit Erfahrungen weitergegeben und Gemeinschaft gestiftet wird. Oder wie die Jüdische Zeitung einmal bemerkte: „Was hier erzählt wird, steht so in keinem Geschichtsbuch.“

Text & Bild: Christina Praus 

 

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