Krise als Chance angenommen

Flüchtlinge: Viele Berliner Sportvereine können nicht mehr in ihren Sporthallen spielen.

„Wir waren auf Ausgleich angewiesen, ansonsten hätte die Bundesliga nicht stattgefunden“, sagt Hendrik Gay, sportlicher Leiter der Hockeyabteilung des TC Blau Weiss Berlin. Die Werner-Ruhemann-Sporthalle an der Forckenbeckstraße, Heimhalle des Hockeyteams, wird seit November für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt. Dadurch ging die Hälfte der Trainingswochenstunden verloren. Aber „das Bezirksamt ist uns mit der Sporthalle Charlottenburg in der Sömmeringsstraße entgegengekommen, wo wir weitestgehend alle Termin unterbringen konnten. Es war super unkompliziert.“

Sportliches Berlin

Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Schul- und Sportamt des Bezirks­amtes, einer „sehr professionellen Organisation durch den Berliner Hockeyverband“ und Trainingsmöglichkeiten bei Privatschulen konnten alle 33 Mannschaften vernünftig trainieren. Inzwischen sind „wir mit anderen Schulen viel mehr in Kontakt gekommen, bekamen sehr viele Kooperationsanfragen und haben neue Kanäle aufgetan“, so Gay. Berlin ist sportlich. Die Sportverein-Mitgliederzahlen steigen seit Jahren. Kontinuierlich. Allein in den vergangenen zehn Jahren kamen laut dem Deutschen Olympischen Sportbund 76.404 Mitglieder dazu. Fast jeder sechste Berliner ist somit Mitglied in einem der 2.323 Berliner Sportvereine. Zu verdanken ist das vielleicht auch der Berliner Politik, welche die landeseigenen Sporthallen den Vereinen kostenfrei zur Verfügung stellt. Aber das Land nutzt diese gegenwärtig auch zur Unterbringung von Flüchtlingen. Laut dem Landessportbund Berlin wurden im Vorjahr 56 Sporthallen dafür genutzt, fünf allein in Charlottenburg-Wilmersdorf. Deswegen hat der Berliner Senat beschlossen, den Schulen und Vereinen „kurzfristig ein Sonderbudget in Höhe von bis zu 1,5 Millionen Euro zur Verfügung“ zu stellen, womit Ersatz ermöglicht werden soll. Seit dem Jahreswechsel sind viele Sportgruppen inzwischen gezwungen, in Ersatzhallen zu spielen, zu anderen Zeiten, im Freien oder auch einfach gar nicht mehr. Beim Berliner Sportverein 1892 e. V. in Wilmersdorf ist jedes zehnte der 3.000 Mitglieder davon betroffen. Christine Di Meglio, Geschäftsstellenleiterin des BSV 1892, „versucht den Mangel zu verwalten“. Alle könnten trainieren, jedoch viele weniger. Aber es wurden Lösungen gefunden: die Frisbee-Mannschaft trainiert jetzt im Freien und die Volleyballer „haben auf eigene Kosten eine Halle gemietet.“ Trotzdem mussten manche Wettkämpfe verlegt werden, manche ausfallen. Sie findet „unsere Sportler gehen damit wirklich locker um. Nur die Volleyballer sind ein bisschen vergnatzt, weil sie dadurch schon eine Menge Geld investiert haben. Aber so richtig sauer hat keiner reagiert.“

Flüchtlinge einbezogen

Nicht nur das – die Flüchtlinge wurden auch einbezogen. „Wir haben das unentgeltliche Probetraining für die Flüchtlinge erweitert, sodass sie längere Zeit mitmachen können.“ Inzwischen spielen sie mit beim Basketball, Fußball und Baseball. Auch die Mitgliederzahl des Vereins ist gestiegen. Um mehr als 250 Mitglieder seit dem vorigen Jahr.

Text und Bild: Christina Praus

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