Husten, wir haben ein Problem!

Umwelt: Bündnis kämpft gegen Feinstaubbelastung in der Stadt.

Es war eine bizarre Demo: Rund 70 Aktivisten von „Cargo-Bike-Fans Berlin“ kamen mit Atemschutzmasken und in Ganzkörperanzügen und zogen mit ihren Fahrrädern ums Neuköllner Rathaus, um gegen die extreme Feinstaubbelastung in Berlin zu protestieren. Ihr Motto: „Husten, wir haben ein Problem!“ Berlin ist mit Stuttgart und Weimar unter den Top 3 der Feinstaub-Rangliste. „Nichts tun heißt, dass wir als Bürger weiter widerspruchslos vergiftete Luft einatmen. Jeder glaubt, Husten, Halsentzündung, Atemnot wären ganz normal im Winter. Diese Krankheitssymptome hängen aber auch mit der Feinstaubbelastung zusammen“, sagt Demo-Organisator Heinrich Strößenreuther.

25.000 Tote

Die Forderungen der Demonstranten: Mehr Leute sollen vom eigenen Auto auf Bus und Bahn umsteigen oder das Fahrrad benutzen, um den Verkehr auf unseren Straßen zu entlasten. „Bundesweite Studien belegen, dass jedes Jahr rund 25.000 Menschen aufgrund der hohen Feinstaubbelastung sterben“, so Heinrich Strößenreuther. Der Bezirksverordnete Jochen Biedermann (B90/Die Grünen) begrüßt das steigende Bewusstsein in der Bevölkerung zum Thema Feinstaub: „Ich glaube, es gibt gerade in Berlin eine große Bereitschaft, mehr Fahrrad zu fahren, aber dafür muss auch die Infrastruktur entsprechend stimmen und das ist gerade in Neukölln immer noch eine Katastrophe“, so der Fraktionsvize in der Bezirksverordnetenversammmlung (BVV). „Das Stück Karl-Marx-Straße, das gerade neu gemacht wird, ist mit dem durchgehenden Fahrradstreifen bereits eine große Verbesserung. Aber leider dauert die Fertigstellung viel zu lange.“ Die Sonnenallee und die Hermannstraße findet Biedermann für Radfahrer nahezu lebensgefährlich. In der BVV sieht er keine große Bereitschaft, sich ernsthaft dem Thema Feinstaubbelastung zu widmen: „Wir haben diese Feinstaubgeschichten ja immer wieder in der BVV thematisiert und ich hatte nicht den Eindruck, dass das auf besonders viel Interesse im Bezirksamt gestoßen ist, ein wirkliches Bewusstsein ist aus meiner Sicht überhaupt nicht vorhanden.“ Städte wie Kopenhagen, Madrid oder Paris seien da weiter: Madrid habe beschlossen, eine große Summe für den Fahrradverkehr in den nächsten Jahren zu investieren. „Madrid ist keine traditionelle Fahrradstadt, aber man hat einfach verstanden, dass das mit der Verkehrsbelastung so nicht weitergeht“, so Biedermann. Das Fahrradverleihsystem in Paris sei ebenfalls beispielhaft: „Dort kann sich jeder, der sich einmal registriert hat, für eine halbe Stunde kostenlos ein Fahrrad ausleihen und an irgendeiner anderen Station zurückgeben. Das wird viel besser angenommen als das Bahnbikesystem, das wir in Berlin haben.“

Text & Bild: Anne-Lydia Mühle

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