Die mit der Wolle malt

Kunst: Barbara Jedermann stellt ihre Wandteppiche aus.

Barbara Jedermanns Werk umfasst ein halbes Jahrhundert: große und kleine Wandteppiche aus Wolle und anderen Textilien, gewebt in bunten Farben oder in Blau- und Beigetönen – alltägliche Szenen mit Menschen, politische Statements und Natur und Landschaft. Noch bis zum 2. April sind die Werke der 97-jährigen Berlinerin im Gotischen Haus, Breite Straße 32, dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr zu sehen.

Holocaust überlebt

„Licht und Schatten sind wichtige Elemente, mit denen ich arbeite. Deshalb verwende ich neben Wolle verschiedene Textilien, die in unterschiedlicher Weise eingewebt werden“, erklärt Barbara Jedermann. 1939, ein Jahr nach dem Abitur, ließ sich die Berlinerin bis 1943 an der Meisterschule für Graphik und Buchgewerbe ausbilden. „Damals waren die Frauen in der Mehrzahl“, erinnert sie sich. „Wir hatten nur vier Männer in der Klasse, die, als der Krieg begann, eingezogen wurden.“ Das Künstlerische war Barbara Jedermann mütterlicherseits in die Wiege gelegt worden. „Mein Vater war schon seit 1934 tot und meine Mutter hatte, vor ihrer Ehe und den drei Kindern, in Breslau und Berlin Kunst studiert.“ Sie war Jüdin, wurde 1944 von den Nazis nach Theresienstadt deportiert – und überlebte. Im gleichen Jahr mussten Barbara und ihre Schwester Zwangsarbeit leisten. Sie flohen nach Osten, eine Zeitlang tauchten die Geschwister als Landarbeiterinnen in Thüringen unter. 1946 arbeitete sie freischaffend als Malerin und Graphikerin und heiratete 1947 den „Kollegen“ Gerd Jedermann, ein Jahr später wurde ihre Tochter Katharina geboren. Wie kam Barbara Jedermann zum Weben? „Durch Zufall. Mein Mann hatte Antependienentwürfe (Altar- und Kanzelbehänge) für verschiedene Kirchengemeinden weben lassen und ich suchte für sie die Wolle aus. Dabei reizte mich an der Weberei, dass man, anders als in der Malerei, nach einem Entwurf arbeitet und die Farben sehr gezielt einsetzen kann. Ich lieh mir einen Webrahmen und begann zu lernen“, erzählt sie. Seit 1962 arbeitet die Künstlerin jetzt schon als Bildweberin und seit 1965 stellt sie auch international aus. „Von meinem ursprünglichen Beruf bin ich es gewohnt, Entwurfsskizzen zu machen und das setze ich bei der Weberei fort. Die Entwürfe hängen oft monatelang im Atelier an der Wand und werden oft verändert, bis ich sie schließlich webe“, erklärt sie. Dafür wird der Entwurf maßstäblich vergrößert und als Vorlage hinter eine Kette gespannt. Dann erst beginnt das Suchen der Farbtöne. „Dabei kommt es zu abenteuerlichen Farbzusammenstellungen, die sich aus der Ferne gesehen zu einem Ganzen schließen. Das bedeutet, dass ich während des Webens meine Arbeit alle zehn Minuten aus acht Meter Entfernung betrachte.“ In den 1970er-Jahren fertigte Barbara Jedermann Bildteppiche mit politischen Forderungen an: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Atomkraft – nein danke, bezahlte Hausarbeit. Später geht sie gegen Atomwaffen mit einem Webrahmen auf die Straße.

Viele Ideen

Heute „malt“ sie gern die Weite einer Landschaft, Felder, Ebbe und Flut. „Aber auch die Betriebsamkeit auf einem Markt und das friedliche Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft im Tiergarten“, sagt sie. „Ich habe noch viele Ideen, die ich noch verwirklichen möchte.“ Womit beschäftigt sie sich gerade? „Mit unseren neuen Nachbarn und den Ländern, aus denen sie kommen. Was daraus wird, weiß ich aber noch nicht, das kommt erst, wenn ich mit den Entwürfen anfange.“

Anke Walter / Bild: Katharina Jedermann

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