Der entsorgte Kolumbus

Ausstellung: Lena Szankays Fotografien zeigen spannenden Alltag in Buenos Aires.

Eine Schwarzweiß Fotografie eines unspektakulären Abstellplatzes in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires nimmt die ganze Wand ein: Es zeigt ein Kolumbus-Standbild liegend zwischen Gerüst und Blechmauern – der Entdecker Amerikas wurde entsorgt. Die deutsch-argentinische Fotografien Lena Szankay hat eine Aufnahmenserie zur Installation „Rompecabezas“ (auf Deutsch: „Kopfzerbrecher“) zusammengestellt. Sie ist im Projektraum des Hauses am Kleistpark zu sehen. Insgesamt 48 Bilder liegen, wie im Arbeitsprozess, verstreut in Tischvitrinen.

Politische Symbolik

Eine Erinnerung an die Lenin-Statue vom Platz der Nationen ploppt auf. Lenin hat die Berliner lange umgetrieben und sein Kopf wird bald wieder in Spandau zu sehen sein. Dagegen bleibt das Kolumbus-Foto unspektakulär und in grauer Alltäglichkeit. Gerade das interessiert Lena Szankay. Und wie die Politik den Alltag in Buenos Aires im Wahlkampf 2015 beeinflusste. Blauweiße Fahnen, Porträts des allgegenwärtigen Che Guevara und  selbstgebastelte Wahlplakate bestimmten das Bild der Stadt. Die Künstlerin hat all das fotografiert. So ist ein grandioses Archiv ununterbrochener Meinungsäußerungen entstanden, denen sich niemand entziehen konnte: „Seit ich wieder in Argentinien wohne, bin ich von der Inszenierung des politischen Lebens irritiert. Es fühlt sich an wie die Fäden eines Spinnennetzes, die, auch wenn man sie entfernt, ein klebriges Gefühl hinterlassen“, sagt Lena Szankay, die sich am Berliner Lette-Verein  zur Fotografin ausbilden ließ.

In einer Universität in Buenos Aires entdeckte die Fotografie-Dozentin einen spannenden kulturellen Dreiklang. Ein Angestellter hatte sich ein Poster der unvergessenen Präsidentin Evita Perón neben der Primavera des Renaissance-Malers Botticelli an den Schrank gepinnt. Darüber prangte wie ein blauer Himmel die argentinische Flagge. „Als ich letztes Jahr im Bus fuhr, sah ich plötzlich Che Guevara auf der Straße – es war eine Werbefigur! Er ist überall, heute noch“, sagt die Fotografin. Natürlich findet sich auch ein Bild des Reklame-Ches in der Ausstellung.

Spontane Bilder

Für diese im Alltag auf ihren Wegen durch die Stadt entstandene Fotoserie benutzt Lena Szankay ein Smartphone, um schnell reagieren zu können. Die ungewöhnliche Darreichungsform der liegenden Fotografien zeigt die Leichtigkeit, die Spontanität ihrer Entstehung. Lena Szankay bannt fotografierend die politischen Botschaften, die sie zuweilen wie eine Form von Umweltverschmutzung empfindet.

So entstand ein sehenswerter  Streifzug durch eine zuweilen geheimnisvolle Welt voller Poesie  und brüchiger Schönheit. Schwer zu sagen, welche Ästhetik interessanter ist: die  Farbfotografien in der Installation oder die als Schwarzweiß-Aufnahmen gedruckten Katalogbilder. Vielleicht ist das sogar ein Qualitätsmerkmal – wenn eine Fotografie in beiden Ausführungen funktioniert.

Freier Eintritt

Die Schau „Lena Szankay. Rompecabezas – Fotoinstallation“  ist bis 28. Februar (Mittwoch bis Sonntag, 15-18 Uhr) bei freiem Eintritt im Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7, Berlin-Schöneberg, zu sehen.

Text und Bild: Judith Meisner

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