„Wer mag schon muffige Gesichter?!“

Märkisches Viertel: Projekt „Nachbar hilft Nachbar“ bereichert das soziale Klima.

„Nein, ich habe kein Helfersyndrom“, wehrt Thankmar Deutsch ab. „Ich will einfach eine gute Nachbarschaft. Und dafür tu ich was. Ist doch schade, wenn Menschen isoliert und zurückgezogen leben.“ Der 70-jährige Wittenauer ist Chef des Projekts „Nachbar hilft Nachbar“, das zu Jahresbeginn im Märkischen Viertel startete. Unterstützt von GESOBAU und dem Netzwerk Märkisches Viertel e.V. wollen er und seine Mitstreiter von der Kontaktstelle PflegeEngagement Reinickendorf eine aktive Nachbarschaftshilfe aufbauen. Dafür suchen sie „Zeitspender“, junge und ältere Menschen, die Zeit und die Bereitschaft mitbringen, sich für andere zu engagieren.

Überschaubar halten

Die anderen sind die „Zeitsucher“, Menschen, die in den verschiedensten Lebenslagen kleinere Hilfen benötigen, Geselligkeit suchen oder einfach aus ihrer Einsamkeit herausgeholt werden wollen. Da sollen Menschen zusammen kommen, die auch zusammen passen. Die Hilfs-Palette ist klar abgesteckt: Es geht um ganz praktische Dinge des Alltags – wie Besuche, Einkaufen, Begleitung zu Ärzten oder Behörden, Spaziergänge, Vorlesen, Zuhören, Tierbetreuung. Das Projekt ist kein Ersatz für professionelle Hilfen, etwa von Pflegediensten – das kann es nicht leisten. Das Märkische Viertel, Zuhause für mehr als 38.000 Berliner. „Was geschieht hinter den Türen? Ist da jemand, der Hilfe braucht und Hilfe will? Wie lässt sich aus dem oft gleichgültigen Nebeneinander ein aktiveres Miteinander machen?“ – Fragen, die Thankmar Deutsch umtreiben. Dabei ist der studierte Betriebswirt und langjährige Betriebsleiter nicht darauf aus, eine groß angelegte, professionelle Nachbarschaftshilfe zu organisieren. „Wir wollen das überschaubar halten und Kontakte von Mensch zu Mensch fördern. Gute Nachbarschaft funktioniert nur, wenn sich niemand bedrängt fühlt und jeder frei entscheiden kann, was er an Zeit und Engagement geben will“, sagt er. Eine Einstellung, die aus einem glücklichen Leben resultiert. „Die Gesellschaft hat mir so vieles ermöglicht – da ist es nur gerecht, ihr ein Stück zurückzugeben“, begründet Thankmar Deutsch. Und er ist sich sicher, dass viele andere es ebenso wollen, man „müsse nur vernünftig auf sie zugehen“. Außerdem: „Wer will schon in einer Gesellschaft leben, in der die Leute mit muffigen Gesichtern rumlaufen?!“ Inzwischen haben sich bereits 16 „Zeitspender“ gemeldet. Deutsch ist zufrieden mit dem bisherigen Echo und hat alle Hände voll zu tun, diese Bereitschaft nun passgenau auf die Anliegen der Hilfesuchenden zuzuschneiden. Auch deren Zahl wächst. Deshalb sind die Projektmacher froh über jeden, der dazu stößt. Jeden Mittwoch ist in der VIERTEL BOX – gegenüber dem Märkischen Zentrum – von 13 bis 16 Uhr Gelegenheit, Näheres zu erfahren.

Jürgen Zweigert / Bild: Privat

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