Mitte-Flaneur: Kleinod bekommt neuen Hut

Sanierung: Weitere Geheimnisse der Parochialkirche gelüftet.

Ignoriert ein Mitte-Besucher den alles überragenden Fernsehturm, gibt es in der Altstadt noch zwei Kirchtürme als Wegmarken, die – neben Rathaus- und Stadthausturm – in den Himmel ragen: St. Marien mit 89 und St. Nikolai mit 84 Metern Höhe. Ein neuer Turm kommt hinzu. Ende Juni wird der Stummel der Parochialkirche auf 65 Meter aufgestockt. In einer spektakulären Aktion zieht dann ein Megakran die beiden vorfabrizierten Turmsegmente in die Höhe. Doch noch zerbrechen sich die Planer den Kopf, wo der Mobilkran stehen soll, denn unter der Klosterstraße fährt die U-Bahn. Ob der Tunnel die geschätzte Last von circa 200 Tonnen insgesamt aushält?

Verzweigte Gänge

Bislang dreht sich die öffentliche Diskussion immer um den Wiederaufbau der Kirchturmspitze. Die reformierte evangelische Kirche galt als Kleinod des Barock im kargen Preußen, bis 1944 der von einer Brandbombe getroffene Turm brennend auf das Gebäude stürzte und alles in Schutt und Asche legte. Nein, nicht alles! Die gemauerte Gruft unter dem Kirchenschiff blieb erhalten. Die 150 Särge und Sarkophage aus fast 200 Jahren preußischer Begräbniskultur wurden erst später, in den ersten Nachkriegsjahren, von Grabräubern geschändet. Ein bekanntes Phänomen in rechtlosen Gesellschaften, das damals wie heute Archäologen und Denkmalpfleger in Wut versetzt. Doch sie gaben nicht auf. Bei einem Gang durch die verzweigten Gänge im Untergrund merkt der zufällige Besucher nichts von dem dramatischen Vandalismus. Gründlich aufgeräumt, fachmännisch restauriert und gesichert, gibt es eine Gruft mit 30 Kammern zu entdecken. Kein gruseliger Schauer, kein modriger Geruch, keine klaustrophobische Atemnot. Kräftige Zugluft betont die Kälte im Untergrund, deren Türen zu den Grabkammern aus Lattenrosten gezimmert sind. Sie erinnern auf den ersten Blick ein wenig an den Gemeinschaftskeller im Berliner Mietshaus. Dieser Vergleich hinkt selbstverständlich, denn sowohl die Türen als auch die Gänge in der Gruft sind aus Ziegeln gemauerte Tonnengewölbe aus dem 17. Jahrhundert.

Erhaltenes Kleinod

Die Kirchengemeinde konnte dem Ansinnen geschäftstüchtiger Investoren von Anfang an widerstehen. Es gab Anfragen, ob man das einzigartige Labyrinth als Weinkeller oder Veranstaltungsort mieten könne, so wie in anderen Orten der Republik. Doch in diesem Punkte waren sich Kirchenvorstände und Denkmalpfleger einig, dass die denkmalgerecht wiederhergestellte Gruftanlage der Parochialkirche ein Kleinod in der Berliner Denkmallandschaft sei. Wer mehr wissen will, der sollte das neue Buch „Parochialkirche in Berlin, Sakralbau, Kirchhof, Gruft, Michael Imhof Verlag“ lesen. Spannende Geschichten zu den 110 geöffneten und gesicherten Särgen, sowie den 31 Särgen, die wegen der Störung der Totenruhe nicht geöffnet wurden.

Text & Bild: Fritz Zimmermann

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