Die schrille Bibel der Subkultur

Literatur: Ein neues Buch erzählt die bewegte Geschichte des legendären Clubs SO36.

Hier wurden in den 80ern die wildesten Punk-Partys gefeiert, Autonome träumten von der Revolution und auf der Bühne rockten die berühmtesten Bands der Szene. Im legendären Club „SO36“ spielten sie alle: Einstürzende Neubauten, die Ärzte, Cure, die Toten Hosen und die Tödliche Doris. Jetzt wird die bewegte Geschichte von Berlins Subkultur-Zentrale in einem Buch gefeiert. Der 464 Seiten starke Wälzer (36 Euro, Ventil Verlag) wurde in einer vierstündigen Mammutshow mit Performances, Musik und vielen alten Weggefährten in Kreuzberg vorgestellt.

Bierdosen flogen

Das SO36 ist wie ein riesiges Zeitloch: Wer hineintritt, stürzt ins Früher und es öffnet sich eine Welt der skurrilsten Geschichten. Zum Beispiel das denkwürdige Konzert von „The Cure“. Weil die Gruppe anscheinend nicht den richtigen Ton getroffen hatte, hagelte es Bierdosen vom wütenden Publikum. Oder die spektakuläre Silvesterparty 1987, als ein Polizeieinsatz völlig aus dem Ruder lief. Eigentlich wurden die Beamten von Anwohnern nur wegen Ruhestörung gerufen. Aber am Ende wurde das Esso, wie es liebevoll von seinen Fans genannt wird, zum Schlachtfeld. Die Polizei ballerte mit Tränengas, viele Gäste bekamen Erstickungsanfälle, hinter der Bühne ging ein Feuerlöscher los, es brach fast eine Massenpanik aus. Aber schließlich wurde es doch noch ein friedlicher Jahreswechsel. Der Strom wurde nicht abgestellt und die UK Subs konnten ihr Konzert wie geplant durchziehen. „Brenzlige Situationen gab es viele, aber die Polizei hat es in all den Jahren nicht geschafft, unseren Laden einzunehmen“, erzählt Nanette, eine der Macherinnen des neuen Buches. Seitdem hat sich der Club immer wieder neu erfunden. Heute feiern im SO36 zum Beispiel Lesben und Schwule die Gayhane Party oder die Queer-Oriental-Night. Die Idee zu diesem Buch hatte Lilo in einer Nacht im Club Sofia. Sie fand schnell begeisterte Anhänger dieser Idee und so stürzte sich die Buchgruppe in die Arbeit. Nach vier Jahren Arbeit, abgelehnten Förderanträgen und einem erfolgreichen Crowdfunding ist eine schrille Bibel der Subkultur entstanden. Sie ist etwa 30 mal 20 Zentimeter groß, schwer wie ein großer Pflasterstein und natürlich aus ökologischem Papier und in deutscher und englischer Sprache verfasst. Das macht Sinn, denn das SO36 ist international bekannt.

Geheimnisse bleiben

Trotzdem drohte dem Club immer wieder die Schließung. Die Erinnerung an den Mieter, der im Jahr 2000 wegen Lärmbelästigung klagte, ist noch frisch. Aber das Esso-Kollektiv ist wehrhaft und es hat die 40.000 Euro für eine Lärmschutzwand zusammenbekommen. All diese Geschichten aus 37 Jahren sind nun in „SO36 – 1978 bis heute“ für die Nachwelt dokumentiert, mit vielen Fotos, Erinnerungen, Zeitdokumenten und jeder Menge Punk. „Aber ein Teil wird immer im Dunkeln bleiben, Geheimnisse werden gewahrt“, sagt Lilo.

Anne-Lydia Mühle / Bild: Archiv

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