Masse ist nicht sein Ding

Gewerbe: Prenzelbergs ältester Rahmenbauer freut sich über bundesweite und internationale Kundschaft.

Wer in Prenzlauer Berg aus dem Rahmen fallen will, muss sich Besonderes einfallen lassen. Kein Problem für Bernd Vento, denn sein Geschäft „Artvento“ ist eine Rarität. Er selbst ist es auch. Denn Bernd Vento verkauft nicht einfach Bilderrahmen, er baut sie auch. Seit 1987, erst an der Danziger, nun in der Eberswalder Straße 29. Es sind Kleinunternehmer wie er, die den Reiz des Kiezes ausmachen – und die doch immer seltener werden. Manch Nachbar hat schon kapituliert vor den galoppierenden Gewerbemieten, weil diese nicht mehr zu erwirtschaften sind. „Ich habe Riesenglück mit meinem Vermieter“, sagt Vento. Sonst könnte er sich sein gut 200 Quadratmeter großes Reich niemals leisten. Hinterm geschmackvollen Verkaufslokal öffnet sich Raum um Raum für Werkstatt und Lager. Hier arbeitet Prenzelbergs ältester Rahmenbauer.

Kunde entscheidet

Das gute Gefühl, hier versteht einer sein Handwerk und weiß, worüber er redet, stellt sich unmittelbar nach Betreten des Ladens ein. Staunend steht die Kundschaft vor der Vielzahl Rahmen, modern und historisch, groß und klein, schlicht und opulent. „Petersburger Hängung“, erklärt Vento das geplante Durcheinander. In Sekundenschnelle bekommt jeder einen ersten Überblick, was Artvento zu bieten hat. Hier werden Rahmen nach Wunsch gebaut oder repariert, teils mit bis zu 150 Jahre alten Formen. Notfalls werden diese aber auch extra angefertigt. „Solange wenigstens eine Ecke vom Rahmen existiert, können wir alles nachbauen“, versichert Vento. Wie etwas aufgearbeitet wird, entscheidet immer der Kunde. Vento hat schon vieles eingerahmt, u.a. eine Jeans, die deren Besitzer als Erinnerung verewigen wollte. Auch die Restauration oder Säuberung von Gemälden wird hier erledigt. Manches im Hause, manches extern bei Spezialisten. Das Restaurieren von Papierbildern sei dabei die „ganz hohe Kunst“. Vento bietet aber auch an, Kunstdrucke und Reproduktion so aufzuwerten, dass deren Oberfläche danach täuschend echt einem Gemälde gleicht.

Ventos beste Kunden sind die Kiezbewohner, aber neuerdings auch deren Eltern, die oftmals am Wochenende die Kinder im Prenzlauer Berg besuchen. „Die vergleichen dann die Preise mit denen zu Hause in Hamburg, München oder Düsseldorf und bringen das nächste Mal Omas Erbstück zum Aufpolieren mit“, plaudert Vento aus dem Nähkästchen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, kauft er seine Leisten in Italien, Spanien und Holland direkt vom Hersteller. Dort stimmen für ihn Preis und Qualität. „Denn Masse ist überhaupt nicht mein Ding, ich liebe es individuell“, sagt Vento. Seine Kunden halten ihm genau dafür die Treue. Nie hat er den Schritt vom Bauingenieur zum Rahmenbauer bereut. Als früherer Baudirektor verleideten ihm die DDR-Oberen irgendwann die Lust
am Beruf. Er fand seine Nische im Kunsthandel anlässlich der Luther-Ehrung 1983. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat hoffte damals auf zahlungskräftige Kunden aus dem Westen. Vento half dabei, dass sie etwas zum Kaufen vorfanden.

Nachfolger gesucht

Gemeinsam mit seiner Partnerin Cornelia Reimann hält Bernd Vento das Geschäft am Laufen – und geht mit der Zeit. Gerahmte Tablets und Bildschirme für die Wandmontage oder Diashow, Kundenbetreuung vor Ort, Ausstattung von Theater- oder Fernsehproduktionen, Bildmontage oder Galerieschienen – alles kein Problem. Nur eins hat Bernd Vento noch nicht gepackt: Einen Nachfolger zu finden. Als nunmehr 65-Jähriger will er zwar nicht sofort aufhören, doch am liebsten Schritt für Schritt jemanden einarbeiten, der sein Lebenswerk mit der gleichen Leidenschaft fortsetzt, wie sie Vento eigen ist.

Text & Bild: Michael Hielscher

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