Streit um Stasi-Museen

Experten wollen die Gedenkstätten in Lichtenberg und Hohenschönhausen in eine gemeinsame Stiftung überführen – und ernten Kritik.

Gerade einmal vier Kilometer sind es, die im Bezirk Lichtenberg zwischen der Zentrale der Täter und dem Leidensort der Opfer liegen: An der Normannenstraße organisierte die Stasi zu DDR-Zeiten ihren Überwachungswahnsinn – und sperrte in ihrem Gefängnis in Hohenschönhausen politische Gegner ein. An beiden Orten erinnern heute zwei Gedenkstätten unabhängig voneinander an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Doch geht es nach einer Expertenkommission, die der Deutsche Bundestag vor zwei Jahren eingesetzt hat, soll diese Autonomie bald ein Ende haben: In einer neu zu gründenden „Stiftung Diktatur und Widerstand – Forum für Demokratie und Menschenrechte“ könnten die beiden Museen aufgehen.

„Die Kommission schlägt vor, die Gedenkstätten Normannenstraße/Magdalenenstraße und Hohenschönhausen unter dem Dach der neu gegründeten Stiftung zusammenzuführen und hierzu mit dem Land Berlin in Verhandlungen einzutreten“, heißt es im nun veröffentlichten Abschlussbericht der Expertenkommission. Als die beiden zentralen Orte der historischen Auseinandersetzung mit dem MfS in Berlin würden sie von einer gemeinsamen Struktur profitieren.
In Hohenschönhausen ist man von dem Vorschlag jedoch alles anderes als begeistert. Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe ließ sich mit den Worten zitieren, der Plan rieche nach einer „feindlichen Übernahme“ und der Vorsitzende des „Fördervereins der Gedenkstätte Hohenschönhausen“, Jörg Kürschner, hält die Idee für „eine politische Instinktlosigkeit“.

„Die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die Stasi-Unterlagenbehörde und das Gelände des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße sind einzigartige Zeugnisse der politischen Unterdrückung zur Zeit der SED-Diktatur. Das aufzulösen und in fragwürdige neue Strukturen zu überführen, wäre ein völlig falsches Signal – sich nämlich künftig nicht noch intensiver, sondern sogar weniger mit der DDR-Geschichte auseinanderzusetzen“, so der promovierte Jurist, der Anfang der 1980er selbst in Hohenschönhausen inhaftiert war, weiter.

In der Expertenkommission selbst hatte es offenbar ebenfalls vereinzelte Vorbehalte gegeben. So kritisierte die von der CDU in die Kommission berufene ehemalige Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen und DDR-Oppositionelle Hildigund Neubert, dass„die überaus erfolgreiche Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen der neuen Stiftung zugeschlagen und ihrer Eigenständigkeit beraubt werden“ solle. Im vergangenen Jahr hatte die Gedenkstätte mit mehr als 440.000 Besuchern einen neuen Rekord erreicht.

Für Martin Sabrow, der von der SPD als Experte in die Kommission geholt wurde, sind derartige Einwände allerdings nicht nachvollziehbar. „Die Vorschläge zielen gerade darauf ab, beide Häuser zu stärken“, erklärt der Professor am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Durch die Zusammenlegung in einer Stiftung würden Ressourcen gewonnen und Synergie-Effekte erzielt. Die Kritik des Gedenkstättenleiters Knabe bezeichnet Sabrow für „interessengeleitet“ und stellt klar, dass es keinesfalls um eine weniger starke Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte gehe: „Es ist wichtig, dass Gedenkstätten zur DDR eine große öffentliche Strahlkraft haben.“

Ob die Vorschläge der Kommission dazu einen Beitrag leisten können, wird sich allerdings frühstens in einigen Jahren zeigen. Zwar Bericht der Kommission sei zwar „Grundlage für die Entscheidungen“ des Bundestages, werde aber kaum „ein zu eins“ und nicht „unverzüglich“ umgesetzt, erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) jüngst bei der Übergabe des Berichts.

Autor: Philip Aubreville

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