Ungeliebte Begegnungszone

Stadtentwicklung: Das Modell scheint gescheitert, Anwohner und Geschäftsleute sind unzufrieden.

Sie sollte für ein friedliches und geselliges Miteinander in der Maaßenstraße sorgen: Aber inzwischen entzweit die sogenannte Begegnungszone Besucher, Anwohner und Geschäftsleute rund um den Winterfeldplatz immer mehr. „Die jetzige Parkplatzsituation ist geschäftsschädigend. Ohne Parkplätze keine Kunden“, sagt Monika Guhl, Boutique-Besitzerin in der Winterfeldstraße. Auch viele Händler des beliebten Wochenmarktes klagen über die neue Situation. „Wir machen deutlich weniger Umsatz, viele Stammkunden bleiben weg“, sagt ein Verkäufer des größten Obst- und Gemüsestandes. Das sieht auch die Kollegin vom Blumenstand so: „Früher waren wir oft ausverkauft, heute bleiben wir auf unseren Sträußen sitzen.“

Viel grau

Die Neugestaltung des Platzes finden die meisten ebenfalls nicht schön. Er wirke wie ein Schulhof in Marzahn mit wenig Bäumen und Grünflächen. Die Wirte beschweren sich über verschenkten Raum und wenig Terrassenplätze. „Auf der Fläche könnten doch bei schönem Wetter Tische und Stühle aufgestellt und die Gäste bewirtet werden. Das würde südliches Flair schaffen“, sagt Mustafa Nurdogan, Wirt der Weinbar Limayra. Auf die unbequemen Eisenbänke setzt sich kaum jemand. „Eine der vielen Fehlplanungen hier. Im Sommer heizen sie sich unerträglich auf und im Winter friert dir der Po fest“, sagt Werner Geitner aus Lichtenrade. Früher kam er jedes Wochenende zum Winterfeldmarkt, aber mit der Begegnungszone ließen die Besuche deutlich nach.

Umfrage

92 Prozent der ansässigen Gewerbetreibenden sind mit der Neugestaltung der Maaßenstraße unzufrieden, erklärt die Schöneberger FDP auf Grundlage einer eigenen Umfrage. Bei Anwohnern und Nutzern wollen fast zwei Drittel einen Rückbau oder zumindest erhebliche bauliche Änderungen. Gemeinsam mit der Initiative „Rolle Rückwärts“ hat die FDP auch schon 800 Unterschriften für einen Umbau der Begegnungszone gesammelt. Bei der Umfrage wurden Anwohner und Geschäftsleute unter anderem nach Minderung der Wohnqualität oder Umsatzeinbußen befragt. „Nun müssen Senat und Bezirk die vielen aufgezeigten Probleme, die sie verursacht haben, schnell reparieren“, sagt Sebastian Ahlfeld, Vorsitzender der Schöneberger FDP.

Projekt in der Krise

Seit Oktober 2015 ist die Maaßenstraße Berlins erste Begegnungszone. Ein Modellversuch, der als revolutionäre Idee gefeiert wurde. Durch den Umbau sollte es weniger Autoverkehr geben, weniger Parkplätze, dafür viel Raum für Fußgänger. Für 800.000 Euro wurde eine Fahrbahn für Autos gesperrt, eine Tempo-20-Zone eingeführt, Sitzbänke aufgestellt, bunte Poller installiert. Nach acht Monaten gibt es jetzt statt der erhofften Begegnung eine Menge Ärger. Zu wenige Terrassenplätze für Gastronomen, kaum Laufkundschaft für Läden und tägliches Verkehrschaos. Der Bezirk zieht indes positive Bilanz. „Heute steht Fußgängern und Radfahrern mehr Raum zur Verfügung. Der Straßenverkehr wurde deutlich entschleunigt“, so Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Für Veränderungen zeigt sich Schöttler aber ebenso offen wie die zuständige Senatsverwaltung. Eine eigene Evaluation sei bereits in Arbeit, sagt Senatssprecher Martin Pallgen. „Die Ergebnisse werden dann die Basis für eine Nachjustierung der Begegnungszone sein. Wir werden nichts gegen die Bürger entscheiden“, so Pallgen.

Projekt im Bergmannkiez

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Die Bergmannstraße in Kreuzberg

Die Diskussionen um die Maaßenstraße sorgen für Ärger und schlechte Stimmung in Schöneberg, da sind schon die nächsten Begegnungszonen im Gespräch. Auch die Bergmannstraße und der Checkpoint Charlie sollen im nächsten Jahr verkehrsberuhigt umgebaut werden. Zumindest zum Checkpoint Charlie äußert sich die zuständige Senatsverwaltung allerdings äußerst zurückhaltend. Es müsse noch offen bleiben, ob der touristische Hotspot überhaupt dafür geeignet sei, erklärte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf eine Anfrage im Abgeordnetenhaus.

Eine Bürgerbeteiligung zur geplanten Begegnungszone in der Bergmannstraße wurde jüngst abgeschlossen. Im Herbst soll dann ein Planentwurf zur Diskussion gestellt werden. „Dann wird sich zeigen, inwieweit aus den Fehlern der Maaßenstraße gelernt wurde“, meint Hans-Peter Hubert von der Initiative „leiser-bergmannkiez.de“, die sich für eine Verkehrsberuhigung einsetzt. Erste Lerneffekte deuten sich schon jetzt an. Zwar sei es vor allem die „teils negative Berichterstattung in einigen Berliner Medien“ über die Maaßenstraße, die nun auch das Projekt in der Bergmannstraße belaste, meint Martin Pallgen, Sprecher der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Die Erfahrungen aus der Maaßenstraße fließen aber dennoch in diesen Prozess mit ein, der zunächst als einjähriger Modellversuch erprobt werden soll. „Der Schwerpunkt vieler Maßnahmen wird deshalb in reversiblen Eingriffen in den Straßenraum liegen“, erläutert Pallgen. Ein späterer Rückbau ist so nicht ausgeschlossen.

Philipp Aubreville / Bilder: imago/Bernd Friedel / imago/Schˆning

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