Prachtmeile in Dauerkrise

Einkaufen: Neue Konzepte für die Karl-Marx-Allee gefragt.

Zu DDR-Zeiten war sie der „Ku‘damm des Ostens“, doch nach der Wiedervereinigung geriet die Karl-Marx-Allee ins Straucheln. Anfang der 90er-Jahre machte die fast drei Kilometer lange Straße vor allem durch Staus und Autoabgase von sich reden. Große Teile der einstigen Laufkundschaft suchte nach neuen Einkaufsmöglichkeiten im gesamten Stadtgebiet. Die frisch eingeführte Marktwirtschaft machte es möglich: Immer größer mussten die Shoppingtempel sein. In unmittelbarer Nachbarschaft wuchsen vor allem am Alexanderplatz und in Form der beiden Ring-Center am S-Bahnhof Frankfurter Allee neue Konkurrenz heran. Die Folge: An der Karl-Marx-Allee wurden immer mehr Geschäfte geschlossen.

Mehr Parkplätze

Um die mächtige Magistrale mit ihren wuchtigen Stalinbauten und den breiten Fußwegen wieder konkurrenzfähig zu machen, jagte ein Projekt das andere. Eines der Zauberwörter hieß „Autofahrerfreundlichkeit“: Im Jahr 1992 wurden zwischen dem Strausberger Platz und Frankfurter Tor eine Reihe von neuen Parkplätzen eingerichtet. Der große Erfolg blieb allerdings aus. Fortan machte eine Reihe von alteingesessenen Geschäften, darunter die symbolträchtige Karl-Marx-Buchhandlung, dicht. Seit ein paar Jahren wird versucht, dort einen Ort für Kulturveranstaltungen zu etablieren. Das Café Sybille zählt zu den letzten prominenten Adressen. In vielen Ladenlokalen wechseln die Geschäfte häufig, vielerorts machen sich Billiganbieter breit. Beliebigkeit in Ulbrichts Vorzeigemeile: Nicht nur DDR-Nostalgiker bedauern diese Entwicklung. Damit nicht genug: Wer in seiner Mobilität eingeschränkt ist, bekommt zunehmend Probleme, sich mit dem Nötigsten zu versorgen.

Bedeutung verloren

Beim Handelsverband Berlin-Brandenburg macht man sich keine Illusionen. „Die Karl-Marx-Allee bleibt ein Hingucker, aber als Einkaufsort hat sie einige hausgemachte Mängel“, sagt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. Gerade die Weitläufigkeit, die vielen Autospuren und spärliche Querungsmöglichkeiten seien problematisch: „Wer shoppen geht, will unkompliziert zwischen den Häusern auf beiden Straßenseiten hin und her wechseln.“ Er ist sich sicher: „Die gleiche Bedeutung wie zu DDR-Zeiten wird die Karl-Marx-Allee niemals wieder bekommen, sie hat kein überregionales Potenzial.“ Die Meile müsse darauf setzen, das „Publikum vor Ort zu bespielen“: zum Beispiel mit höherwertigen Textilien und Lebensmitteln, um auf die Bedürfnisse der vielen Zugezogenen einzugehen.

Nils Michaelis, Bild: BAB/Archiv

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