Selbstversuch im Rollstuhl

Janine Malik testet die Barrierefreiheit auf Tegels Straßen.

„Ups – hier geht gar nichts mehr!“ Janine Malik und Felix Schönebeck fahren in ihren Rollis von der Tegeler Polizeiwache zum U-Bahnhof Borsigwerke. Endstation, da kein Aufzug. Beide sind einen Tag in ihrem Heimatkiez unterwegs, um zu testen, wie weit Menschen mit Handicaps in Tegel kommen und was sie im Alltag behindert. Die 35-Jährige erkrankte vor zehn Jahren an Multipler Sklerose und ist seit drei Monaten auf den Rollstuhl angewiesen. Da sie ihren Beruf als Friseurmeisterin nicht mehr ausüben konnte, schulte sie auf Ernährungscoach um und bietet online Ernährungskurse an. Felix Schönebeck, Jurastudent und „I love Tegel“-Initiator, wagte den Selbstversuch im Rollstuhl und begleitete Janine Malik einen Tag.

Alltägliche Nöte

„Mutig von ihm, aber er hat sich wacker geschlagen“, bescheinigt sie ihm. Auch ihre Erfahrungen im Rollstuhl sind noch jung – doch es nervt sie, dass es trotz mancher Verbesserungen immer noch schwierig ist, sich in Tegel zu bewegen. Dies erfuhr auch Felix Schönebeck: Er wurde über lückenhaftes Kopfsteinpflaster gejagt; blieb an nicht abgesenkten Bordsteinkanten hängen; musste sich um falsch parkende Autos herum winden; lernte viel zu kurze Ampelphasen kennen, die Rollis oft zu schnellem Spurt zwingen; stand hilflos vor nicht barrierefreien Ladenzugängen oder in Geschäften, in denen Rollis chancenlos sind; musste lernen, die nicht immer ergründbaren Blicke der Passanten zu ertragen. „Ein Erlebnis, das die alltäglichen Nöte der betroffenen Menschen deutlicher macht“, sagt er.

Barrieren abbauen

Nach dem Selbstversuch beginnt nun die Lösungssuche. Beide Tester wollen sich dafür stark machen, dass die erkannten Barrieren schnell und unbürokratisch verschwinden. Besonders aufmerksam wollen sie den behindertengerechten Umbau des Tegel Centers begleiten. Noch mehr Geschäftsleute sollen dazu bewegt werden, bei Umbauten und Renovierungen die Barrierefreiheit zu berücksichtigen. Mit diesem Ziel ist er in engem Kontakt mit Geschäftsleuten und Bezirksamt.

Viel geschehen

Eine starke Verbündete hat er in der Bezirksbeauftragten für Menschen mit Behinderung, Regina Vollbrecht. „Barrierefreiheit ist die Voraussetzung für Teilhabe, für ein selbständiges, anerkanntes Leben. Vieles ist dafür in Tegel schon geschehen, doch mehr ist möglich“, sagt sie. Inklusion begänne im Kopf – deshalb sei es neben dem Abbau der baulichen Barrieren wichtig, die Bürger für die Belange behinderter Menschen zu sensibilisieren. „Und das muss bereits in Elternhaus und Schule beginnen“,
so Vollbrecht.

Jürgen Zweigert, Bild: Privat

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