Mit den Nerven am Ende

Fluglärm: Das Klagelied aus der Hokasiedlung.

Flughafen Tegel und kein Ende. Und das, obwohl am 28. Mai 1996 festgelegt wurde, dass die Flughäfen Tempelhof und Tegel geschlossen werden. Jetzt hat unter den Parteien eine erneute Diskussion begonnen. Seit Jahren leiden die Anwohner in Spandau, Tegel, Reinickendorf, Mitte und Pankow Tag und Nacht unter dem Flugbetrieb. Im Nahbereich der Landebahnen passieren immer wieder Schäden an Dächern und Gebäuden durch Wirbelschleppen (gegenläufig drehende Luftverwirbelungen). Von den Auswirkungen können die Bewohner der Hokasiedlung ein „Klage“-Lied singen.

Lebensgefährlich

Zu denen, die dort wohnen und leiden, gehört Marion Onekamp. „Bei uns sind Dachziegel runtergekommen und haben Bodenplatten beschädigt. Vor ein paar Jahren wurde fast mein Enkel getroffen“, erzählt sie. Im letzten Sommer hat sie jedoch den größten Schreck bekommen: „Ich habe gedacht, es ist Krieg, so sehr hat es geknallt. Bei unserem Nachbarn flog das Dach der Veranda durch die Luft, sämtliche Blumentöpfe draußen fielen um und unsere Terrassentür aus Stahl hatte sich durch die Wirbel so verzogen, dass wir sie nicht richtig schließen können. Es war beängstigend.“ Sein Dach sei schon dreimal beschädigt, bestätigt ihr Nachbar Peter Lüttke. Und im Garten telefonieren oder bei offenem Fenster fernzusehen, sei unmöglich. Als vor ein paar Jahren wegen des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull die Abfertigung auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld kurzzeitig eingestellt wurde, sei sein Blutdruck prompt gesunken, fügt er hinzu.

Tegel muss schließen

Angelika Jünger ist vor elf Jahren in die Siedlung gezogen und fühlt sich veräppelt. „Wir wohnen hier, weil der Entschluss, TXL zu schließen, ja gefallen war“, sagt sie ärgerlich. Zwar sei die Schadensregulierung mit der Flughafengesellschaft unbürokratischer geworden, aber eine Peinlichkeit muss Marion Onekamp los werden: „Eine Tages besuchte uns ein Mitarbeiter und übergab mir unter anderem einen Gutschein für den entstandenen Ärger. Eine Person und ich durften ohne Eintritt die Terrasse am Flughafen besuchen, aber Kaffee und Kuchen sollten wir bezahlen. Außerdem schenkte er mir Konfekt, 125 Gramm Nudeln, Apfelsaft und einen Holzlöffel.“ Jetzt hat Rolf-Roland Bley von der Bürgerinitiative gegen das Luftkreuz einen offenen Brief an den Spandauer AfD-Bezirksstadtrat Andreas Otti, der gegen eine Schließung Tegels ist, geschrieben: „Aufgrund der Rechtslage und der Fakten fehlt mir jedes Verständnis für Ihr Ansinnen.“ Ob Otti antwortet, bleibt abzuwarten. „Aber wir haben noch Hoffnung“, sagt Rolf-Roland Bley. „Der Flughafen muss schließen, auch als Regierungsflughafen darf er nicht auf bleiben.“

Im 90-Sekunden-Takt

Zwar dürfen Flugzeuge nur bis 23 Uhr landen, aber es gibt für Verspätungen eine Ausnahmeregelung. Im vergangenen Jahr gab es 585 Landungen zwischen 23 und 0 Uhr. Dazu kommen noch Post- und Ambulanzflüge und die Bundeswehr, die alle ohne Ausnahmeregelung bis Mitternacht ankommen dürfen – so dass die Zahl der Landungen um die Uhrzeit auf 1.500 im Jahr 2016 gestiegen ist. „Tagsüber donnern die Maschinen oft im 90-Sekunden-Takt über uns hinweg“, klagen die Anwohner.

Anke Walter, Bild: Thinkstock/iStock/Cameris

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