Die letzte Chance für Vergessliche

Mehr als 34.000 Fundstücke jährlich – Zentrales Fundbüro platzt aus allen Nähten.

Vergesslichkeit kennt keine Grenzen. „Alles kann verloren gehen; vieles davon landet bei uns“, sagt Manfred Schneider. Seit 2002 leitet der 48-Jährige mit seinem inzwischen 15-köpfigen Team das Zentrale Fundbüro im historischen Tempelhofer Flughafengebäude.

Reger Betrieb in der Annahme; gerade bringt der Kurierdienst der Polizei neues Material. Hier kommt nach drei bis fünf Tagen alles an, was auf Polizeiwachen, in Bürgerämtern, in Kaufhäusern, Museen, Kinos und auf Veranstaltungen abgegeben wird. BVG und Deutsche Bahn unterhalten eigene Fundbüros, die Fundstücke aus Bussen und Bahnen verwahren.

Berliner sind ehrlich

Fundbüros leben von der Schusseligkeit der Menschen. Und weil die uns permanent begleitet, platzt die Tempelhofer Einrichtung längst aus allen Nähten. Warum das so ist, weiß niemand genau. „Touristen-Boom, wachsende Einwohnerzahlen – mehr Menschen verlieren nun mal mehr“, vermutet Schneider. Vor allem Kleidungsstücke, gefolgt von Dokumenten, Geldbörsen, Schlüsseln, Handys. Im vergangenen Jahr kamen rund 34.000 Fundsachen rein – Tendenz: steigend. Zu Beginn des Jahrzehnts waren es nur um die 25.000; im Jahr 2014 dann bereits über 30.000. Damit es seinen gesetzlichen Auftrag erfüllen kann, musste das Fundbüro-Team um einige Mitarbeiter aufgestockt werden. Das Gute daran sei, dass die Berliner und ihre Gäste ehrlich sind – „sonst hätten wir nicht so viel zu tun“, meint er.

Ausgestopfter Strauß

Auf den Stellflächen reihen sich einige hundert Fahrräder, in Regalen, Kisten und Fächern stapeln sich Taschen, Koffer, Rucksäcke, Jacken, Brillen und vieles mehr. Ein wohl sortiertes, detailliert erfasstes und auch per Online-Suche abrufbares Sammelsurium der Gedankenlosigkeit. Darunter auch Skurriles und Kurioses: „Wir hatten vor einiger Zeit einen ausgestopften Strauß; auch Gehstöcke, Gebisse, sogar Rollstühle sind erstaunlicherweise immer wieder mal dabei“, so Schneider. Wirklich Wertvolles ist eher die Ausnahme. Schlagzeilen machte im Sommer der Fall eines Radfahrers, der in Neukölln eine Tasche mit einigen tausend Euro Bargeld und einem Kilo Goldbarren vergaß. Dank des ehrlichen Finders konnte der Eigentümer rasch ermittelt werden; überglücklich holte er kurz darauf die Sachen ab. Finderlohn und Lagergebühr muss er dennoch zahlen – jeweils drei bzw. zehn Prozent des Wertes.

Martin Schneider leitet das Fundbüro

 

Vieles bleibt liegen

Längst nicht alles geht an die Besitzer zurück – nur etwa 20 Prozent melden sich überhaupt und holen ihr Eigentum ab. Schneider: „Viele zweifeln daran, dass sie Verlorenes wieder bekommen, anderen ist vielleicht der Wert zu gering, der Aufwand zu groß.“ Egal: Alles – ob Schirm, Schal, Koffer oder Fahrrad – wird sechs Monate lang gelagert. Danach kann der Finder entscheiden, ob er die Sache haben möchte. Doch nur ein Drittel will das, die Mehrzahl verzichtet. Noch Gebrauchsfähiges geht anschließend in die Versteigerung oder an soziale Einrichtungen. „Sechs Mal jährlich wird versteigert, jeweils etwa 600 Fundstücke“, erläutert Schneider. Auf jeder Aktion werden bis zu 15.000 Euro erzielt; rund 80.000 im Jahr. Geld, das zusammen mit den Lagergebühren – immerhin einige zehntausend Euro jährlich – in den Betrieb des Zentralen Fundbüros fließt.

Jürgen Zweigert, Bilder: Thinkstock/istock/Luciano Bibulich, Jürgen Zweigert

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