Pankower Nächte sind laut

Deutsche Bahn montiert Schallschutzwände zwischen Bornholmer Straße und Blankenburg.

„Es wird dereinst eine Zeit kommen, da wird man den Lärm ebenso bekämpfen müssen, wie heute die Cholera oder die Pest“ – Robert Koch, visionärer Mikrobiologie-Pionier, wusste es schon damals: Lärm hat sich zu einem der größten Gesundheitsrisiken überhaupt gemausert. Besonders betroffen sind Anwohner an Flughäfen und Schienensträngen. Auch durch Pankow donnern tags und nachts endlos lange Kesselwagen-Züge, vor allem zur PCK-Raffinerie nach Schwedt. Die Strecke der Stettiner Bahn ist berüchtigt wegen ihres hohen, lärmenden Verkehrsaufkommens. „Nachts mit Spitzen bis zu 98 Dezibel. Eindeutig gesundheitsgefährdend“, sagt Dietrich Peters, Chef der Bürgerinitiative Nord/Ost – Gesund leben an der Schiene“ (BINO). In der Luft die Flieger nach TXL; am Boden die stampfend-lärmenden Waggons – das sei unerträglich für viele. Seit Jahren ringt BINO deshalb mit Deutscher Bahn und Behörden um Schallschutz und leisere Trassen.

Lärmbelastete Wohnungen

Jetzt gibt es erste Erfolge: Anfang Oktober startete Berlins Bahnchef, Alexander Kaczmarek, an der Pankower Dolomitenstraße ein umfangreiches Schallschutz-Projekt. Eine Attrappe zunächst – doch bis Mai 2018 sollen sie stehen: die fünf Kilometer langen Schallschutzwände zwischen Bornholmer Straße und Blankenburg; beiderseits der Gleise; je nach Geländebeschaffenheit zwei bis drei Meter hoch. Fast acht Millionen Euro investiert der Bund dafür; zusätzlich werden 500 besonders lämbelastete Wohnungen für 170.000 Euro mit dämmenden Fenstern und Lüftern ausgestattet. „Die Gesundheit der Menschen ist uns wichtig“, sagt Kaczmarek. Die Bahn unternehme viel für einen Schienenverkehr, der so „leise wie möglich ist“. 3.700 des bundesweit fast 33.500 Kilometer umfassenden Schienennetzes gelten als besonders lärmbelastet. Doch einen Anspruch von Betroffenen auf Lärmschutz gibt es nur dort, wo etwa neue Gleise gelegt werden.

Sanierte Strecken

Wie an der „Stettiner Bahn“  – die Strecke wird in den nächsten Jahren stark ausgebaut, erhält ein zweites Ferngleis, dann sollen die Züge 160 Kilometer schnell dahin donnern dürfen. Ob Schallwände ausreichend Schutz dagegen bieten, ist umstritten. Experten jedenfalls sehen sie eher skeptisch, weil sie den Schall nur umlenkten, Sichtachsen störten, Bodenvibrationen ja weiterhin blieben. Auch für TU-Professor Markus Hecht  ist es der „falsche Weg, die Mauern zu bauen“. Er fordert, den Lärmschutz an der Quelle zu packen – also beispielsweise den Einsatz verbesserter Schienen, von leiseren Rädern und Bremssystemen. Bis 2020 investieren Bund und Bahn weitere 600 Millionen Euro in den Lärmschutz, rüsten den Wagenpark um, sanieren belastete Strecken; 35.000 der 64.000 Güterwagen rollen bereits auf leiseren Sohlen.   Ohne Sperrrung. Ob darunter bereits die Kesselwagen zum PCK Schwedt sind, ist ungewiss. Vermutlich werden die Pankower Nächte mit dem zweiten Gleis und dann höheren Geschwindigkeiten kaum ruhiger werden.

Schon gar nicht in den nächsten Monaten:  Vor allem nachts werden die Wandelemente gesetzt – „die Strecke ist zu wichtig, um sie tagsüber zu sperren“, sagt Kaczmarek und bittet die Anwohner um Verständnis. Diese nehmen es wohl resignierend hin. Ohnehin wundern sie sich, dass die Lärmschutzwände nur bis Blankenburg reichen. „Ist der Lärm etwa nur wenige Meter weiter nicht mehr gesundheitsgefährdend?“, fragt Dietrich Peters von BINO. Sie fordert Schutzwände bis Bernau. Dies lehnt das Eisenbahn-Bundesamt mit der Begründung ab, diese Strecke werde in absehbarer Zeit nicht weiter ausgebaut, also gäbe es hier keinen Anspruch auf Schutzwände. BINO wird weiter kämpfen…

Jürgen Zweigert, Bild: imago/Rüdiger Wölk

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