Neukölln will Tourismus zügeln

Linke fordert ein Handlungskonzept  vom Bezirksamt.

Wo noch im vergangenen Jahr Katzenfutter über einen Ladentresen an der Pannierstraße wanderte, werden jetzt italienische Vorspeisen gereicht. Eines von vielen Beispielen im Norden Neuköllns, wie kleine Geschäfte durch gastronomische Betriebe verdrängt werden. Praktisch für Besucher, die sich an jeder Straßenecke stärken können, doch schlecht für, zumal eingeschränkt mobile, Einwohner, denen die wohnortnahe Versorgung wegbricht. Wie man Tourismus und Anwohnerinteressen unter einen Hut bekommt, beschäftigt nicht nur den Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg seit Jahren. Auch im Neukölln verschärft sich der Konflikt, das zeigten zuletzt die Querelen um ein mittlerweile geschlossenes Hostel in der Weserstraße.

Bürger mitnehmen

Die Linke-Fraktion im Bezirksparlament fordert vom Bezirksamt, ein Konzept für einen verträglichen Tourismus auf den Weg zu bringen. „Man darf nicht unbegrenzt neue Hostels und Kneipen zulassen“, sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Marlis Fuhrmann. „Die Besucher folgen ihren ganz eigenen Interessen, für viele ist Neukölln nur Staffage, wir leben hier aber nicht im Zoo.“ Um die Entwicklung zu steuern und Anwohnerinteressen zu berücksichtigen, regt Fuhrmann an, Textbebauungspläne mit entsprechenden Festsetzungen zu erlassen. Nach dem Vorbild der vom Bezirksamt unterstützen Arbeitsgemeinschaft Tourismus im Reuterkiez, die seit April Handlungsmöglichkeiten entwickelt und erprobt, müsse ein Forum geschaffen werden, um gemeinsam mit den Bürgern Wege zu finden, die Besucherströme in allen Quartieren so zu lenken, dass die Lebensqualität der Anwohner nicht darunter leidet. Fuhrmann: „Es genügt längst nicht mehr, nur auf den Reuterkiez zu blicken, die Gegend rund um die Schillerpromenade hat längst nachgezogen. Wir erleben inzwischen einen Massentourismus im Bezirk, dieses Problem muss man systematisch betrachten.“ Ein Abschlussbericht der AG Tourismus wird für Anfang kommenden Jahres erwartet.

Befeuert wird die Debatte durch zwei Bauprojekte. Platz für mehr als  800 zusätzliche Betten will das Estrel Hotel Berlin an der Sonnenallee schaffen. Im Dezember werden die Bezirksverordneten über den Bebauungsplan entscheiden. Fuhrmann lehnt die Erweiterung ab: „Das würde den touristischen Druck auf den Kiez weiter verstärken.“ Am ehemaligen Güterbahnhof, nahe dem S-Bahnhof Hermannstraße, will zudem ein privater Investor ein Hochhaus errichten, in dem neben Wohnungen auch ein Hotel unterkommen soll.

Senat gefordert

Stadtentwicklungs-Stadtrat Jochen Biedermann begrüßt das von der Linken geforderte Tourismuskonzept im Grundsatz. Aber auch der Senat sei gefordert, sein aus dem Jahr 2011 stammendes Konzept den Entwicklungen anzupassen und den Bezirken einen „einheitlichen Konzeptrahmen“ zur Verfügung zu stellen. Eine entsprechende Initiative der Koalitionsfraktionen sei auf Landesebene kürzlich erfolgt, so der Grünen-Politiker in seiner Antwort auf eine Große Anfrage der Linke-Fraktion.

Nils Michaelis, Bild: Rüdiger Wölk

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