Google Campus will guter Nachbar sein – Kritiker zweifeln

Start-up-Förderung im Umspannwerk Kreuzberg trifft auf Gentrifizierungs-Sorgen.

Wenn in Kreuzberg das Wort Google fällt, trifft das oft auf gemischte Gefühle. Im alten Umspannwerk an der Ohlauer Straße will der Technologie-Gigant im Spätsommer seinen weltweit siebten „Google Campus“ eröffnen, eine Art Weiterbildungszentrum für Start-ups. Was die einen bejubeln, trifft bei anderen auf Kritik. Zweifellos ist das Projekt ambitioniert.

Platz für 200 Menschen

Derzeit laufen die Bauarbeiten in der ehemaligen Turbinenhalle des Gebäudes. Darin soll es bei Workshops oder anderen Veranstaltungen Platz für bis zu 200 Menschen geben – die zentrale Fläche dafür ist das Herzstück des Campus. Hier sollen Gründer und solche, die es werden wollen, aufeinandertreffen, Ideen und Wissen austauschen, etwas Neues lernen und an andere vermitteln. In einer neuen Zwischenetage entstehen außerdem 20 temporäre Arbeitsplätze. Im sogenannten Residency-Programm werden einzelne Start-ups gefördert und für maximal sechs Monate einen festen Platz bekommen. Es wird außerdem zwischen fünf und zehn feste Mitarbeiter geben, die sich um die Verwaltung des Campus kümmern.

Community gestaltet selbst

Rowan Barnett (Bild: Oliver Schlappat)

Was das Angebot an Workshops und Veranstaltungen angeht, sollen die Start-ups weitestgehend selbst mitgestalten und entscheiden. Ziel ist es, dass diejenigen, die den Campus nutzen, für die Inhalte sorgen. Campus stellt die Event-Fläche für relevante Veranstaltungen dann kostenlos zur Verfügung. Alles, was sich im weitesten Sinne an die Start-up-Community richtet, soll möglich sein. Dabei soll der Kontakt und Austausch mit der Nachbarschaft eine wichtige Rolle spielen. Der Campus sei auf ihre Ideen angewiesen, sagt Rowan Barnett, Head of Campus Berlin. Der Brite, der seit vielen Jahren mit seiner Familie in Berlin lebt, wünscht sich, dass Vereine und Gruppen aus den umliegenden Kiezen sich im Campus treffen. Auch der Betreiber vom Café und der Buchhandlung um die Ecke könnten jederzeit vorbeikommen, wenn sie ihre digitalen Skills verbessern und ihr Unternehmen weiterentwickeln möchten.

Es gebe außerdem schon einige Anregungen, was darüber hinaus noch im Campus passieren kann, zum Beispiel im Bereich Kultur, Kunst und Musik. Eine Zusammenarbeit mit dem Theater im Umspannwerk ist ebenso im Gespräch wie mit einer Initiative, die Start-ups von Geflüchteten und Newcomern unterstützt. Wer noch weitere Ideen für die Einbindung der Nachbarn und des Kiezes habe, der könne sie über die Webseite des Campus Berlin mit einbringen.

Widerstand formiert sich

Für viele der Kritiker spielt all das erst einmal keine Rolle. Sie sehen die reine Anwesenheit des Campus schon als Problem und fürchten steigende Mieten für Anwohner und Gewerbe, da Start-up-Gründer in den Stadtteil drängen würden. Manche haben auch ein Problem mit Google an sich und sehen den Konzern als zu mächtig und gefährlich an. Inzwischen hat sich in Kreuzberg eine regelrechte Allianz aus verschiedenen Gegnern zusammengefunden, die aus den unterschiedlichsten Gründen den Campus ablehnen und mit mehr oder weniger harten Mitteln bekämpfen wollen.

Verständnis für Sorgen

“Open Day” des Google Campus, Ende September 2017 (Bild: Google Campus/Bernd Brundert)

Nicht mit allen Kritikern wird Google ins Gespräch kommen können, um sich zu erklären. Mit dem führenden Kopf einer der Initiativen hat es einen Dialog gegeben, und generell würden sich bei Gesprächen mit besorgten Nachbarn viele Bedenken schnell legen. Inwieweit der Campus die Gentrifizierung im Kiez tatsächlich weiter verschärfen kann, wie es die Kritiker befürchten, bleibt abzuwarten. Rowan Barnett sieht das jedenfalls nicht kommen. „Ich kann die Sorgen verstehen, aber ich glaube weder, dass der Campus die Gentrifizierung vorantreibt, noch glaube ich, dass Google das Problem lösen kann.“

Tatsächlich kann kaum davon die Rede sein, dass mit Google eine völlig neue Gewerbestruktur in den Kiez oder auch nur das Gebäude ziehen würde: Das Umspannwerk ist voll mit Medien- und Tech-Unternehmen; In Kreuzberg insgesamt hat sich längst eine große Start-up-Szene etabliert. Nichts Neues also auch aus Barnetts Sicht. „Kreuzberg war schon immer ein Anlaufpunkt für Kreative. Konrad Zuse hat hier den Z1 vorgestellt, auch Siemens hat in Kreuzberg angefangen.“ Seine Kritiker wird das kaum beruhigen. Am Ende wird die Zeit zeigen, wer Recht behält.

Der Campus soll im Spätsommer an den Start gehen. Wer Ideen hat, wie er den Kiez unterstützen kann, hat die Möglichkeit, sie über die Vorstellungsseite des Google Campus Berlin zu äußern.

Text: Oliver Schlappat, Titelbild: Imago/Christian Ditsch

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