Fenster in die Vergangenheit

Mauerpark – Reste eines Fluchttunnels entdeckt.

Der Bau eines unterirdischen Stauraumkanals ist eine aufwendige Angelegenheit. 654 Meter lang soll das zwischen Bernauer- und Gleimstraße verlaufende Bauwerk werden. Und am Ende 7.400 Kubikmeter Regenwasser davon abhalten, in Panke oder Spree zu fließen. Beim Anlegen einer elf Meter tiefen Baugrube an der Bernauer Straße machten die Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe unlängst einen ungewöhnlichen Fund. An die Oberfläche befördert wurden eine gewaltige Betonplatte (Überreste einer Panzersperre), Fundamente des Grenzmeldenetzes und Zaunpfosten sowie die Einstiegsstelle eines Fluchttunnels.

Größte Aufmerksamkeit

„Gefunden wurde aber kein vollständiger Tunnel“, erklärt Gesine Beutin, Pressesprecherin der Stiftung Berliner Mauer. Trotzdem zieht der in fünf Meter Tiefe entdeckte Einstieg ins Erdreich größte Aufmerksamkeit auf sich. Denn die beauftragten Archäologen konnten anhand dessen den einstigen Tunnelbau rekonstruieren: Der 80 Meter lange Bau, der vom Westen in den Osten führte, begann in einer früheren Lagerhalle, ein Keller in der Oderberger Straße sollte das Ziel sein. „Die Stasi konnte das Projekt vorher aufdecken“, sagt Dieter Arnold, Vorstandsvorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten.

Große Bedeutung

Obwohl hier niemand unterirdisch in die Freiheit fliehen konnte, entführt diese Entdeckung in die Jahre der deutschen Teilung. Bis zur Wiedervereinigung 1989 sind mehr als drei Millionen Menschen aus der DDR in den Westen geflohen, nicht wenige verloren dabei ihr Leben. „Die Funde verdeutlichen die Rigorosität des Grenzstreifens“, sagt Manfred Wichmann, Sammlungsleiter der Stiftung Berliner Mauer.

Fluchttunnel waren – neben Passfälschungen und selbstgebastelten Heißluftballons – eine häufige Fluchtmöglichkeit. Über 70 derartige Bauten sind dokumentiert. Tunnel 57 war dabei der Superlativ: Er lag in zwölf Meter Tiefe, war 145 Meter lang. Von einer leerstehenden Bäckerei im Wedding aus führte er unter der Berliner Mauer hin zu einem Toilettenhäuschen im Hof der Strelitzer Straße 55. 1964 gelang 57 Menschen die Flucht. „Jeder Fluchttunnel der wiederentdeckt wird, hat für uns eine große Bedeutung“, so Arnold, dessen Verein Berliner Unterwelten die deutsche Geschichte und das Phänomen der Tunnelflucht schon seit einigen Jahren für die Öffentlichkeit aufarbeitet.

Archäologisches Fenster

Zurück zum Stauraumkanal: Bis zu seiner geplanten Fertigstellung 2020 wird die Panzersperre versetzt, danach soll sie „dauerhaft in den Mauerpark eingebunden werden“, so Torsten Dressler. Für den Archäologen, der sich im Rahmen seiner Dissertation intensiv mit dem Thema Berliner Mauer und Gegenwartarchäologie beschäftigt, ist der einmalige Fund sehr besonders. „Besser kann die deutsche Geschichte nicht vermittelt werden.“ Sammlungsleiter Manfred Wichmann kann sich ein „archäologisches Fenster“, ähnlich der in der nahen Mauergedenkstätte schon erprobten Visualisierungen, vorstellen.

Bild: Stefan Natz/Berliner Wasserbetriebe Text: Chrissi Lopinski

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