Hilfe für Geflüchtete beim Start in die Unternehmer-Welt

Ein Start-up-Inkubator richtet sich an Geflüchtete – oder, wie der Mitgründer sagt: an Newcomer.

In Syrien war Hadi Soufan Architekt. Seine Heimatstadt Homs war einer der am meisten umkämpften Orte der Konflikte, die so viele Menschen zur Flucht gezwungen hatten. Auch der Architekt verließ im Jahr 2015 die Stadt. Von Deutschland aus engagiert er sich jetzt für den Wiederaufbau, will mit einem Projekt auf Crowdfunding-Basis den Bewohnern helfen, ihre Häuser und Geschäfte wieder nutzbar zu machen. Beim Aufbau des Projekts „Reviving Home“ hatte er Hilfe – von einem Start-up-Inkubator in Kreuzberg, der sich exklusiv an Geflüchtete richtet. Oder, wie es Suhayl Chettih, Mitbegründer und Leiter des „Singa Business Lab“ sagen würde: um Newcomer.

Erste Kooperationen

Suhayl Chettih

Chettih hat selbst amerikanisch-algerische Wurzeln, ist in den USA aufgewachsen und hat in der Finanzbranche als Berater gearbeitet. Eine spannende, lehrreiche Arbeit, sagt er, doch nichts, das ihn persönlich bewegt, ihm etwas bedeutet habe. Der Syrien-Konflikt und all die Menschen, die nach Europa flüchteten, vor allem nach Deutschland – das packte ihn jedoch. Deutschland, sagt er, habe viel mehr dieser Menschen aufgenommen als viele andere Länder, und die Idee, aus diesem Umstand etwas Erfolgreiches und Positives zu schaffen, habe ihn inspiriert, sich zu engagieren.

Er kam 2016 nach Berlin. Die Idee, einen Inkubator für diese spezielle Zielgruppe zu schaffen, entwickelte sich durch Gespräche und alte Kontakte. Es fanden sich Unterstützer aus dem Bereich Stiftungen und Unternehmen. Unter dem Namen „Ideas in Motion“ startete eine erfolgreiche Pilotphase. die Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation Singa, die Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zusammenbringt, um gemeinsame Aktivitäten aufzubauen, wurde zur Partnerschaft und zum „Singa Business Lab“.

Beitrag leisten

Anfang dieses Jahres ging der Inkubator in die zweite Phase mit potenziellen Gründern, die ihre Ideen entwickeln möchten. Sie alle wollen auf eigenen Beinen stehen und etwas zur Gesellschaft beitragen. Leicht haben sie es nicht, denn sie kämpfen nicht nur gegen die komplizierte Bürokratie, sondern auch gegen Vorurteile. Es gebe oft die Wahrnehmung, die Neuangekommenen würden hier nur staatliche Hilfe kassieren und abwarten, weiß Suhayl Chettih. Doch jeder, der mit Menschen in dieser Situation gesprochen habe, wisse, dass sie wirklich etwas tun möchten, sich eine Chance wünschen, arbeiten und zum Allgemeinwohl beitragen wollen. In der Praxis sei das oft kompliziert. „Ich glaube, wir müssen noch viel mehr unternehmen, damit die Neuangekommenen ihre Fähigkeiten mit in die Gesellschaft einbringen können“, so Suhayl Chettih.

Viele Ideen

So wie Hadi Soufan, der Teil der ersten kleinen Pilot-Gruppe von Gründern war, die im Singa Business Lab (damals noch unter dem Namen „Ideas In Motion“) ihre Ideen entwickelten. Oder wie Ali Abdo und Mouhammad Abo Moharram, die gemeinsam eine Smartphone-App entwickeln möchten, die es Newcomern ermöglicht, ohne ausreichende Sprachkenntnisse zum Beispiel den Polizeinotruf oder Notarzt zu rufen. Eine Idee, die vielleicht auch europaweit funktionieren könnte, hoffen sie. Oder auch wie Lekaa Sakr und Sarah Shammaa, die ein Café mit kleiner Galerie eröffnen, das den Austausch zwischen Syrern und Deutschen fördern und Vorurteile abbauen helfen soll – auch syrische Kunst dort soll gezeigt werden.

Das Business Lab ist auf absehbare Zeit ein Non-Profit-Programm, das sich durch Unterstützung von Stiftungen und Unternehmen finanziert und sich um öffentliche Fördergelder bemüht. Große Firmen stellen zum Beispiel Mentoren, Referenten oder Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Business Lab sei eben kein Business, sagt Suhayl Chettih. Im Gegensatz zu üblichen Start-up-Inkubatoren wird dort keine Beteiligung an erfolgreichen Unternehmen verlangt. Für die Zukunft schließt er nicht aus, dass erfolgreiche Gründer sich finanziell an der Fortführung des Programms beteiligen sollen, doch soll das Business Lab auch in Zukunft kein auf Gewinnmaximierung fokussiertes Unternehmen werden.

Text: Oliver Schlappat/Bilder: Saskia Bauermeister

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