Kritik an Baumaßnahmen im DDR-Gefängnis

Ort zur Bildung, Erinnerung und gesellschaftlichen Aufarbeitung geplant.

Bereits vor einigen Monaten wurde bekannt, dass das ehemalige Gefängnis an der Keibelstraße zum außerschulischen Lernort umgewandelt werden soll (das Berliner Abendblatt berichtete). Nun hat der Senat das Vorhaben offiziell beschlossen, die entsprechenden Bauarbeiten sind derweil schon im vollen Gange.

Im ersten Obergeschoss sollen künftig bis zu 30 Menschen pädagogische Angebote nutzen können, heißt es vonseiten des Senats. Aber damit nicht genug: Das gesamte Gefängnis soll ein Ort zur Bildung, Erinnerung und gesellschaftlichen Aufarbeitung werden. Doch dafür müsste eigentlich möglichst viel von den Original-Zellen und -Räumen erhalten bleiben. Neue Bilder der aktuellen Baumaßnahmen – vor allem im nicht als Lernort vorgesehenen Erdgeschoss – werfen aber die Frage auf, ob die historische Substanz des DDR-Knasts tatsächlich bewahrt wird.

Unter Denkmalschutz

Tom Sello, einer der Befürworter der Umwandlung zum Lernort und der Berliner Beauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, will sich nun vor Ort selber ein Bild von den Baumaßnahmen machen. „Bisher habe ich nur Bilder von den Sanierungen und Umbauten gesehen. Ich habe aber bereits bei der Denkmalschutzbehörde um Auskunft gebeten und werde mir bald alles in der Keibelstraße selber ansehen.“ Sollten sich die Eindrücke von den Bildern bestätigen, wäre das ein Verstoß gegen den Senatsbeschluss. „Meiner Meinung nach hätte man solche verändernden Baumaßnahmen nicht mehr durchführen dürfen.“ Die Bilder, von denen er spricht, zeigen Steckdosen, moderne Lampen, neue Leitungen und viel Platz für Multimedia. Von dem Versprechen der Senatsverwaltung „die Authentizität zu erhalten“ ist hingegen nicht mehr viel zu sehen.

Schwere Zerstörungen

Schon bei früheren Sanierungen kam es laut Sello zur Zerstörung der historischen Bausubstanz. Auch in den 90er-Jahren, als das Gebäude bereits leer stand und nur für Filmaufnahmen genutzt wurde, wurden „Räume gestrichen, farblich umgestaltet und die Ausstattung verändert“, so Sello weiter. „Rigoros“ seien die Filmteams mit der einzigartigen Kulisse umgegangen. Zwischen 2007 und 2010 gab es dann erstmals umfangreiche Sanierungsmaßnahmen. Anschließend zog die Schulverwaltung in den früheren Hafttrakt. Sie waren auch die Ersten, die forderten das gesamte Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für Sello ist das auch notwendig, um zu verhindern, dass „noch mehr zerstört wird“.

Einzigartiger Ort

Denn das DDR-Gefängnis ist in seiner Art einzigartig. Nicht umsonst wählten Filmteams die Räume als Schauplatz für ihre Knastfilme. 215 Plätze gab es in dem neunstöckigen Volkspolizeigefängnis. Häftlinge, darunter auch einige bekannte Namen, wie Achim Menzel oder Wolf Biermann, nannten es die „Kathedrale des Grauens“. Stasi und Volkspolizei spielten in dem Gefängnis genauso eine Rolle wie die Kriminalpolizei. In den 90er-Jahren wurde es zudem als Abschiebeknast genutzt. Auch darüber sollte sich die Öffentlichkeit informieren können. Gleichzeitig könne man das Gebäude nutzen, um Häftlingsgeschichten zu erzählen. Immerhin kamen viele von ihnen direkt aus der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen und wurden in der Keibelstraße teilweise tagelang verhört.

Für Ausstellungen wäre im Gefängnis laut Tom Sello auf jeden Fall noch reichlich Platz, unter anderem im noch ungenutzten Keller des ehemaligen Gefängnisses. „Einen Ort wie diesen gibt es nirgendwo sonst“, ermahnt er. Die Stadt und der Senat dürfen die Chance nicht verstreichen lassen, hier über diesen wichtigen Teil der deutsch-deutschen Geschichte zu informieren.

Text: Katja Reichgardt,Bild: imago/epd

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