Im Zahnarzt-Stuhl sind alle Menschen gleich

Ehrenamtliche Mediziner und Pfleger verhelfen Obdachlosen zur Behandlung.

Vasilios Kafousias ist pensionierter Zahnarzt. An diesem Freitagvormittag sitzt der 81-Jährige mit Mundschutz und weißem Kittel vor Füllungsinstrumenten und Wurzelhebern. „Mensch ist Mensch“, sagt er achselzuckend, während er das Zahnbesteck reinigt. Kafousias ist einer von fünf ehrenamtlichen Zahnärzten der Praxis für Obdachlose und Bedürftige am Stralauer Platz 32, unmittelbar am Ostbahnhof.

Neben einer zahnärztlichen Versorgung kann hier jeder, ohne Anmeldung und ohne Versicherung, allgemeinmedizinische Versorgung erhalten, sich an der Kleiderkammer bedienen und eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Adressaten sind alle, die durch das Raster des Gesundheitssystems fallen. Täglich kommen bis zu 35 Menschen, die Beratung, Behandlung und Medikamente benötigen und kostenfrei erhalten.

Betrieb selbstfinanziert

Gegründet worden ist die Zahnarztpraxis für Obdachlose schon im Jahr 1999. Im Jahr 2002 zog sie um in ihre jetzigen Räumlichkeiten im Andreas-Haus der heutigen St. Markus-Gemeinde. Die Miete übernehmen Senat und Bezirk, ihren Betrieb allerdings muss die Praxis selbst finanzieren. Laufende Kosten und Personal gehören dazu – auch wenn die Ärzte selbst ehrenamtlich arbeiten.

„Zum Glück haben wir ein gutes Spenden-Netzwerk“, sagt Marina Rabe, die seit Beginn vor Ort als Zahnarzthelferin und Managerin der Praxis arbeitet. Der Druck, bei zu wenig Spenden kein Gehalt ausgezahlt zu bekommen, sei zu Beginn groß gewesen. „Privatpatienten haben wir hier halt nicht“, sagt Rabe. Im Gegenteil: die Obdachlosen kämen, wenn es schon viel zu spät sei. Die meisten hätten seit Jahren keinen Zahnarzt gesehen, sich nur selten die Zähne geputzt. Wenn Alkohol zur Mundspülung wird, sind Zahnprobleme vorbestimmt. Und die Behandlung wird natürlich teurer.

Andere Probleme

Trotzdem empfängt die kleine Zahnarztpraxis weit weniger Patienten, als der im Nachbarraum sitzende Allgemeinmediziner. „Die Menschen haben andere Probleme, als einen faulenden Zahn“, so Rabe. Kafousias stimmt ihr zu. Außerdem müsse man die ärztliche Behandlung der Obdachlosigkeit anpassen. Die Angst vor Ärzten sei größer, die Diagnose schwieriger, der Einsatz von Medikamenten und Behandlung gefährlicher. „Ich kann keine Anästhesie machen, wenn ich nicht weiß, was der Mensch am Morgen genommen hat.“ Deshalb brauche eine Zahnbehandlung vorab eine feinfühlige Seelsorge. Vertrauen und Zuspruch seien oft genauso wichtig, wie die Behandlung offener Wunden, so der Zahnarzt.

Große Dankbarkeit

Freundlichkeit und Verständnis bekommen die Patienten auch. Die Krankenschwestern und viele ehrenamtliche Mitarbeiter sind zuvorkommend. „Mensch ist Mensch“, sagt auch Kerstin Siebert, die seit 25 Jahren als Krankenschwester in der Allgemeinmedizin für Obdachlose arbeitet. Und doch, einen Unterschied zu regulären Patienten gibt es in der Obdachlosen-Praxis: „Die Dankbarkeit ist viel größer“, sagt sie. Auch Rabe kann sich keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen. Nur eine Sache wünscht sie sich: eine Urlaubsvertretung. „Wenn ich im Urlaub bin, dann müssen wir schließen“, sagt sie betroffen. Dank der engen Zusammenarbeit mit der Arztpraxis in der Weitlingstraße 11 in Lichtenberg kann den Bedürftigen dann eine schnelle Alternative geboten werden. Trotzdem sei die personale Unterbesetzung kräftezehrend. „Letztendlich sind es die Menschen, die darunter leiden“, sagt Praxis-Managerin Rabe.

Die Obdachlosen-Praxis ist wochentags zwischen 8 und 14 Uhr geöffnet. Träger der Einrichtung ist seit 2013 die Gebewo pro, eine gemeinnützige GmbH. Interessierte könnten sich jederzeit melden und auch Geldspenden für Zahn-Instrumente und Medikamente sind immer willkommen. Weitere Infos über die Praxis und zum Spendenkonto gibt es bei der Gebewo pro.

Text: Christina Lopinski, Bild: Thinkstock/iStock/ollikainen

WEITERSAGEN