Rabiate Entmietung? Neuköllner seit Wochen ohne Gas

Mieter glauben, sie sollen aus dem Haus geekelt werden.

Ohne Heizung und zum Teil ohne Wasser müssen sich derzeit die Mieter der Karl-Marx-Straße 179 durchschlagen. Bei unangekündigten Bauarbeiten, sagen sie, sind Leitungen absichtlich zerstört worden. Sie glauben, sie sollen mit derartigen Mitteln zum Auszug bewegt werden. Der Bezirk hat der Hausverwaltung eine Frist gesetzt, die zunächst ohne Reparaturen verstrichen ist.

Gasgeruch bemerkt

Ein Bewohner des Hauses bemerkte am 28. Februar Gasgeruch im Innenhof. Er verständigte deshalb die Gasag. Von dem Versorger beauftragte Fachleute rückten ebenso an wie Polizei und Feuerwehr. An die Schadensstelle kamen sie jedoch nicht heran: Aus Sicht von Polizei und Feuerwehr war der Bereich mit der beschädigten Gasleitung einsturzgefährdet, weshalb den von der Gasag beauftragten Kräften nur noch übrig blieb, das Haus außerhalb des Gebäudes von der Versorgung zu trennen. Zu dieser Zeit herrschten noch strenge Minustemperaturen. Dann passierte eine ganze Weile nichts.

Angeblich Korrosion

Laut den Mietern muss die Gasleitung bei Bauarbeiten mutwillig oder zumindest fahrlässig beschädigt worden sein, bei denen aus Gewerberäumen Fenster entfernt wurden – unangekündigt, wie sie sagen. Tatsächlich ist ein Kupferrohr an einer Verbindungsstelle auseinandergeschoben worden. Die Schellen, mit denen sie an der Wand befestigt waren, wurden offenbar mit Gewalt zerrissen. Es erweckt den Eindruck, als habe sich jemand auf die Leitung gestellt oder heftig an ihr gerissen. Gegenüber den Mietern, so sagen sie, hat die Hausverwaltung jedoch behauptet, Korrosion sei der tatsächliche Grund für das Gasleck gewesen.

Bauaufsicht eingeschaltet

Die von den Mietern verständigte Bauaufsicht des Bezirks nahm sich der Sache umgehend an und setzte der Hausverwaltung eine Frist für die Behebung des Schadens, bestätigte der zuständige Bezirksstadtrat Jochen Biedermann. Sie war mehrmals vor Ort, um sich ein Bild von der Sache zu machen, zuletzt am Dienstag. „Wir haben der Wohnungsverwaltung eine Anhörungsfrist gesetzt“, so Biedermann. Die ist inzwischen bereits verstrichen – passiert war bis dahin nichts. Biedermann betonte, die Gas- und Wasserversorgung müsse umgehend wieder hergestellt werden. Sollten der Eigentümer oder die Verwaltung nicht handeln, werde der Bezirk eine Ersatzvornahme der Arbeiten in die Wege leiten und sich die Kosten von der Hausverwaltung zurückholen. „Wir hoffen natürlich, dass es so weit nicht kommen muss.“

Verdacht Verdrängung

Dass es sich bei den Geschehnissen um Zufälle oder vielleicht Unfälle handelt, da bleiben die Mieter skeptisch. Sie glauben, sie sollen aus dem Gebäude geekelt werden. Nach ihren Informationen hat der damalige Eigentümer, ein Luxemburger Immobilienfonds, eine Genehmigung für den Teilabriss des Gebäudekomplexes erhalten. Gewerbebauten im hinteren Teil sollten drei Häusern mit Eigentumswohnungen und Tiefgarage weichen. Nach Erteilung dieser Genehmigung habe ein Hamburger Unternehmer den Komplex gekauft und die derzeitige Hausverwaltung beauftragt.

Für die derzeitigen Probleme zeigt letztere offenbar wenig Verständnis: Einem Bewohner ist nach dem Absperren der Gasleitung gesagt worden, wenn er friere, solle er doch ausziehen, sagen die Mieter. Ein anderer Bewohner hat ähnliches erlebt, wenn auch „mehr durch die Blume“, wie er sagt. Es werde schon länger deutlich, dass es gewollt sei, dass sie ausziehen sollen, meint er.

Baustopp gefordert

Was die Gasleitung angehe, die sei seiner Überzeugung nach definitiv nicht durchgerostet, wie die Hausverwaltung behaupte, sondern absichtlich zerstört worden. Und dass durch Korrosion ein Leck entstehe, genau an dem Tag, an dem Bauarbeiter Fenster aus dem Gebäude reißen, das wäre schon ein komischer Zufall. Auf Anfrage des Berliner Abendblatts, sich zur Situation zu äußern, reagierte die Hausverwaltung bis Redaktionsschluss nicht.

Die Mieter des Hauses fordern nun in einer Erklärung die sofortige Reparatur der Gas- und Wasserleitungen sowie den Stopp von Bau- und Abrissarbeiten, bis geklärt sei, wie die zukünftige Bebauung aussehen und umgesetzt werden soll. Außerdem fordern sie, dass alle Mieter weiterhin zu bezahlbaren Konditionen in ihren Wohnungen leben können.

Text: Oliver Schlappat, Bild: Michael Anker

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