Lebenskünstler und Freigeist

Christina Lopinski traf sich mit dem Kreuzberger Geigenbauer Thomas Rojahn.

Für Hunderttausende junger Menschen weltweit stand und steht sie vor allem für die Untergrund-Techno-Szene und deren Tempel wie das Berghain. Spätestens seit den 1990er-Jahren waren Raves Ausdruck von Freiheit und der temporären Flucht vor dem Alltag. An Klassik denken junge Menschen erst einmal nicht, gleichwohl Berlin mit drei Opernhäusern auch hier Spitze ist. „Klassik und Techno passen sehr gut zusammen“, weiß Thomas Rojahn. Er trägt einen grün gefärbten Irokesenschnitt und eine Camouflagehose. In seiner Werkstatt im Wrangelkiez läuft eine Symphonie von Bach. Rojahn ist nicht nur der östlichste, wohl auch der unkonventionellste Geigenbauer in ganz Berlin.

„Ich konnte kein Abitur machen, weil ich weder Deutsch noch Englisch verstand“, sagt der polnische Spätaussiedler. Mit 13 kam Thomas Rojahn nach Deutschland, mit Anfang 20 nach Berlin. Er betreute Drogeninformationsstände in Clubs, macht das bis heute, versuchte, Fuß zu fassen, traf den Schweizer Forscher Hans Cousto und lernte mit ihm das Gesetz der kosmischen Oktave kennen, der Möglichkeit, alles zu vertonen. „Das hat mich so geflasht. Ich wollte Musik erfahrbar machen.“

1997 baute er sein erstes Instrument, ein Monochord, ohne Lehre, aber mit Leidenschaft. „Du baust etwas, und das klingt. Ich war total hin und weg.“ Er wusste schnell, dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen und etwas schaffen wollte, was bleibt.

Große Konkurrenz

Hintergrund

Die Violine ist ein zu den Kastenhalslauten gehörendes Streichinstrument. Ihre vier Saiten werden mit einem Bogen gestrichen, mit der Bogenstange leicht geschlagen oder mit den Fingern gezupft. In der Tradition der klassischen europäischen Musik spielt die Violine eine wichtige Rolle – viele große Komponisten haben ihr bedeutende Teile ihres Schaffens gewidmet.

Das Wort Violine wurde im 17. Jahrhundert aus dem Italienischen ins Deutsche entlehnt und bedeutet eigentlich „kleine Viola“, wobei sich im Italienischen letztlich die maskuline Diminutivform violino (bezeugt seit dem frühen 16. Jahrhundert) zur Bezeichnung des Instruments durchsetzte, im Deutschen hingegen das Femininum Violine.

Mit 27 und ohne Vorkenntnisse hatte es Thomas Rojahn schwer. Irgendwann jedoch bekam er ein Praktikum, dann eine Ausbildungsstelle. Zwölf Jahre und acht Meisterbetriebe später entschied er sich, nach Berlin zurückzukommen und die Selbstständigkeit zu wagen, trotz großer Konkurrenz. Es seien nicht nur die asiatischen Hersteller, die Instrumente günstig exportierten, sondern auch die zahlreichen Instrumentenbauer in der Stadt.

Rojahn grenzte sich ab. Mit seiner Manufaktur in der Taborstraße 6 hat er sich, nicht wie üblich, auf Reparatur, sondern auf Neubau spezialisiert. Die Herstellung ist arbeitsaufwendig und zeitintensiv, bedarf detailgenaues Fingerspitzengefühl und technische Multiexpertise.

180 Stunden, fast einen Monat, dauert die Handanfertigung einer Geige. Das Material, Fichte und Bergahorn, stammt von einem regionalen Tonholzhändler. Umrissschablonen müssen gezeichnet, die Schnecke gestochen, das Griffbrett geleimt, der Bassbalken eingesetzt, das Instrument gebeizt und lackiert werden. „Jedes Instrument klingt anders, jedes Holz reagiert anders. Es ist jedes Mal ein magisches Erlebnis.“ Unbezahlbar sei dieser Prozess. Damit meint Thomas Rojahn weniger das Geld, als die Schöpfung. Es sei systembedingt, wirtschaftlich arbeiten zu müssen, „das zerstört das Künstlerische.“

Ab 9.000 Euro kann ein Instrument gekauft werden. Und seine Kunden? „Vom Symphoniker und Berufsmusiker, bis zum Hochschulstudenten und Obdachlosen, der irgendwo spielt“, sagt Rojahn. Er vermietet seine Instrumente gerne und günstig, weil Musikmachen glücklich macht, gesund ist und verbindet. Dass der Beruf einsam ist, stört ihn nicht. Rojahn ist ein Freigeist, ein Lebenskünstler, ein politischer Aktivist, beschreibt sich selbst als Psychonaut.

Rojahn ist nebenbei in der Obdachlosenhilfe tätig, als Drogenaufklärer in Clubs und auf Festivals, als Friedensaktivist auf Demonstrationen. Dass Instrumentenbau nicht Vivaldi oder Mozart sein muss, nicht konservativ und einsam, sondern – gefüllt mit Authentizität, Leidenschaft und Professionalität – alles sein kann, verkörpert Rojahn. Er glaubt nicht, dass das Handwerk jemals aussterben wird. „Es wird immer Nachwuchs geben, der die Instrumente bespielt, es wird immer Menschen geben, die sie hören wollen.“

www.rojahngeigen.de

Datum: 20. Juni 2018, Text und Bilder: Christina Lopinski

WEITERSAGEN