Reinickendorfer Problemkiez kämpft gegen den Abstieg

Miese Monitoring-Werte für Großraum Scharnweberstraße / Lage an Hausotterplatz verbessert

Die Verdrängung einkommensschwacher Mieter vom Zentrum an den Stadtrand verstärkt auch in einigen Bereichen Reinickendorfs die sozialen Probleme. Das ist eine Lesart des Monitorings Soziale Stadtentwicklung für das vergangene Jahr, dessen Kurzfassung die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen jetzt veröffentlicht hat. Der Bereich im Großraum Scharnweberstraße ist demnach einer von zehn Berliner Planungsräumen, die neu als „Gebiete mit Aufmerksamkeitsbedarf“ ausgewiesen und in die Kategorie „sehr niedriger Status mit stabiler Dynamik“ eingestuft wurden. Dabei waren Indikatoren wie Arbeitslosigkeit, Transferleistungsbezug und Kinderarmut entscheidend. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Mit den Bereichen an Hausotterplatz und Teichstraße liegen zwei Regionen im Bezirk, für die der besondere Aufmerksamkeitsbedarf nicht mehr gilt. Für die Bereiche Klixstraße, Märkisches Zentrum, Treuenbrietzener Straße, Dannenwalder Weg und Rollbergesiedlung war dies nach 2015 allerdings auch im letzten Jahr der Fall.

Anwohner beteiligt

Die Scharnweberstraße sowie das nördlich anschließende Gebiet bis zum Eichborndamm (siehe Foto) befinden sich im Bereich des seit 2016 initiierten Quartiersmanagements Auguste-Viktoria-Allee (QM). Mitarbeiter Adem Erenci erklärt, was es mit dem „niedrigen Status“ und der „stabilen Dynamik“ auf sich hat: „Die Zahlen zu Arbeitslosigkeit und Armut haben sich verschlechtert, nicht aber die Stimmung unter den Leuten.“ Dazu gehört auch die Begeisterung für den Kiez. Erenci verweist auf zahlreiche Projekte für Sauberkeit oder Bewegungsmöglichkeiten für Kinder, die das QM mit den Anwohnern angeschoben habe. Zudem seien Quartiersrat (40 Mitglieder) und Aktionsfondsjury (zwölf Mitglieder) üppiger ausgestattet als in vielen anderen Berliner QM-Gebieten.

Auch das Bezirksamt würdigt die Effekte des QM. „Damit wurden die ersten Schritte zur Stabilisierung des Gebietes eingeleitet und diese zeigen erste Erfolge“, so ein Sprecher. „Im Rahmen eines Integrierten Handlungs- und Entwicklungskonzept (IHEK) wurden die Stärken und Schwächen des Gebietes aufgezeigt. Bauliche Maßnahmen erfordern aber umfangreiche Vorplanungen, sodass vor Ort noch keine deutlichen Zeichen gesetzt werden konnten.“ Darüber hinaus wird der Bereich rund um die Scharnweberstraße auch im ISEK für den Stadtumbau Tegel beleuchtet. „Nach Schließung des Flughafens soll dieses Stadtumbaugebiet durch den Senat beschlossen werden und die darin enthaltenen Bauvorhaben nach und nach realisiert werden. Ein neues Jugend- und Stadtteilzentrum an der Auguste-Viktoria-Allee sowie ein Neubau der Bibliothek werden zur Stabilisierung des Quartiers beitragen.“

Positiver Trend

Den, statistisch gesehen, positiven Trend am Hausotterplatz und an der Teichstraße führt der Sprecher auf die gute Konjunkturlage, eine Verdrängung Einkommensschwacher durch höhere Mieten und die Umwandlung von GSW-Wohnungen in Eigentumswohnungen zurück. „Offensichtlich zieht verstärkt eine finanziell besser ausgestattete Bevölkerungsschicht in diesen Bereich.“ „QM-Gebiete werden zunehmend zu Auffangbecken von verdrängten Haushalten, die Opfer eines aus den Fugen geraten Wohnungsmarktes geworden sind“, sagt Angela Budweg, die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bezirksparlament. „Die Bemühungen, stabile Nachbarschaften zu schaffen, werden immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Solange es nicht gelingt, die stattfindende Verdrängung durch Neubau von leistbarem Wohnraum einerseits und durch zusätzliche Schutzinstrumente vor Mietpreis treibenden Modernisierungen zu verhindern, wird die soziale Spaltung der Stadt weiter voranschreiten.“

Stand: 5. Juli 2018. Text: Nils Michaelis. Bild: Christian Mang

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