Der Lichtröhrenbieger vom Tempelhofer Berg

Thomas Wendler ist ein international gefragter Neonglasröhren-Bläser.

Es riecht nach Farbe, in seinem Atelier auf dem alten Gewerbehof Am Tempelhofer Berg 106. Tisch- und Handbrenner, Glasmacherpfeifen und Strukturzangen stehen im Raum. Auf Werktischen liegen dünne Glasröhren, daneben liegen Schablonen, Zeichnungen, stehen Farbeimer. An den Wänden hängen Formen, Schriftzüge und Skulpturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie eint, dass sie Unikate von Thomas Wendler sind: Alle Handanfertigungen sind mit Neonfarben gefüllt und leuchten so kräftig, dass sie eine ganz besondere Faszination auslösen. Berlins Neonglasbläser kann man an einer Hand abzählen, „Neonardo“ ist einer von ihnen.

Viel Geschick

Wendler ist ein „alter Hase“ seines Fachs. Weil er mit 16 Jahren nicht wusste, was er machen sollte, musste sein Traumberuf in Form eines Glasbläser-Nachbarn durch Zufall auf ihn zu kommen. „Glas hat mich sofort fasziniert“, sagt er. Wendler machte die Ausbildung zum Glasapparatebläser, dann zum Kunstglasbläser, später zum Neonglasbläser. Er lernte in Thüringen und Berlin, perfektionierte sein Handwerk in Florida.

Seine Multiexpertise ist außergewöhnlich, jede Spezialisierung eine besondere Herausforderung. Das Arbeiten mit Glas erfordert Präzision und Geschick, Kreativität und Fingerspitzengefühl, außerdem eine hohe Frustrationstoleranz. „Glas kann immer kaputtgehen“, sagt Wendler. Besonders ärgerlich sei es, wenn man bereits einige Stunden an einer Anfertigung gearbeitet habe. „Es braucht Jahre, um den Beruf zu perfektionieren“, weiß Wendler.

Geschmeidiges Material

Sein Steckenpferd ist mittlerweile die Neonglasbläserei. Glasdrehmaschinen, die man aus größeren Betrieben kennt, gibt es hier nicht. Mit einem Tischbrenner macht Wendler das Glas heiß, dass er vorher an den zu biegenden Stellen markiert hat. Er befestigt einen Schlauch an der einen Seite des Rohres und nimmt die Andere in den Mund, während die blau-violette Flamme das Glas erglühen lässt.

1.000 Grad und wenige Sekunden später kann Wendler es biegen, es ist geschmeidig wie Gummi. Wendler ist hochkonzentriert, während er einen Trafo an die von Elektroden gespickten Rohre anschließt, um unter Hitze und Vakuum die letzte Feuchtigkeit zu entziehen. Dann wird Edelgas – meist Neon – hineingefüllt, dazu Leuchtfarbe für die Intensität. Neon ist individuell und vielseitig, erzeugt eine besondere Aufmerksamkeit und Ästhetik und fasziniert in allen Schichten und Altersgruppen.

 „Es braucht Jahre, um den Beruf zu perfektionieren.“

Thomas Wendler

Geformte Röhren

„Jeder liebt Licht. Vor allem in einer großen Stadt wird es immer gebraucht“, ist sich Wendler sicher. Aus diesem Grund wundere es ihn auch nicht, dass er, trotz Konkurrenz, mehr als genug zu tun hat. 80 Stunden die Woche arbeitet der 60-Jährige. „Eine tolle Arbeit“, sei sein Hobby, auch dank seiner bunt gemischten Kundschaft. In ganz Berlin strahlen seine geformten Neonröhren: in Designerläden und Privatwohnungen, in Restaurants, Start-Ups, auf Messen, in Großraumbüros und in Ateliers.

Dass der Beruf ausstirbt, kann Wendler sich nicht vorstellen. In den letzten Jahren habe er ein „Revival der Neonleuchte“ wahrgenommen, trotz LED-Boom, oder gerade deshalb. Obwohl seine Anfertigungen teuer sind, aufwendige Motive können bis zu 25.000 Euro kosten, spürt er nichts von einer Sparmentalität. Seine Arbeit wird wertgeschätzt und macht ihn stolz, jeden Tag aufs Neue. Ob er sich seine Installationen im ganzen Land anschaue? „Ich bin am Liebsten in meiner Werkstatt“, lächelt er.

Text: Christina Lopinski, Bilder: Chr. Lopinski, Stefan Bartylla

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