Schöne Klangkulisse oder Lärm? So klingt der Reuterkiez

Lärm

Beim stillen Rundgang beurteilen Menschen  Lärm und Geräuschkulisse im Kiez.

Vorbeifahrende Autos, die künstliche Türglocke des kombinierten Späti-Fahrradverleihs, das Grundrauschen der stark befahrenen Straße in der Nähe, Stimmen von Menschen, die sich in allen möglichen Sprachen unterhalten, Party-Lärm. So klingt es heute in vielen Kiezen der Stadt, und auch im Reuterkiez sind solche Geräuschkulissen zu erwarten. Was noch, und ob das eigentlich noch gesund ist, das steckt hinter einer Aktion anlässlich des „World Listening Day 2018“ am 18. Juli. Bei zwei „Soundwalks“ soll ganz genau hingehört werden, wie der Kiez klingt – auch, damit man sich ein Bild davon machen kann, wie er klingen sollte.

Ernsthafte Lärm-Forschung

Die Aktion klingt ungewöhnlich, vielleicht sogar ein kleines Bisschen esotherisch, ist tatsächlich aber knallharte Wissenschaft und Teil eines Strebens nach einer gesunden Umgebung, bei der auch Geräusch und Lärm eine wichtige Rolle spielen. Die Teilnehmer der Soundwalks werden an mehreren Stellen im Kiez innehalten, einige Minuten hinhören und dokumentieren, welche Geräusche, Klänge und Lärm ihnen aufgefallen sind, welche sie mögen und welche nicht. Am Ende wird über das Erlebte gesprochen, die gesammelten Daten später ausgewertet.

Lautes Nachtleben

Dass gerade der Reuterkiez  Ziel der Soundwalks ist, hat gute Gründe, erklärt Stadtplanungs-Architektin Antonella Radicchi, die diese Art der Forschung mit dem Stadtteilbüro Reuterkiez zusammen organisiert. Der Kiez sei ein Hotspot, sei von Gentrifizierung und Touristifizerung stark betroffen, wodurch es zunehmend Lärmprobleme gebe. Generell sei Ruhe heute zu einem Luxusgut geworden. Es gebe zwar entsprechende EU-Vorschriften gegen Lärm, die den Schutz von ruhigen Zonen in Metropolen und Lärmreduktion vorsehen. Bisher gehe es aber hier nur um harte Zahlen, zum anderen würden die vor Ort betroffenen Menschen dabei außen vor gelassen. Dabei seien diese die wahren Experten dafür, was tolerierbar, vielleicht sogar angenehm ist und was stört. Zum Beispiel gebe es im Reuterkiez Lautstärkeprobleme durch das zunehmende Nachtleben. In den Lärmkarten Berlins könne dies aber gar nicht erfasst werden., denn diese messen nur den Verkehrslärm. Die Erfahrung der Bewohner müsse als Ressource besser genutzt werden. Die Soundwalks sind deshalb ein Schritt in diese Richtung.

Zwei Touren

Es wird am 18. Juli zwei dieser Klangspaziergänge geben, und zwar um 17 und um 19 Uhr. Treffpunkt ist jeweils der Kinder-Kiosk am Reuterplatz. Die Touren dauern etwa eineinhalb Stunden. Die Gruppe wird langsam und schweigend laufen, an mehreren Hörpunkten anhalten dort ein bis zwei Minuten der Umgebung zuhören. Die Teilnehmer werden gebeten, für jeden Hörpunkt einen einfachen Bogen mit fünf Fragen auszufüllen. Persönliche Daten werden weder geteilt noch veröffentlicht. Jeder kann kostenlos mitmachen, doch ist die Teilnehmerzahl begrenzt, deshalb wird um Anmeldung per E-Mail gebeten.

13.07.2018, Text: Oliver Schlappat, Bild: Thinkstock/iStock/Brian A. Jackson

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