Künstler fliehen aus Schöneweide

Kreativstandort: Verzweifelter Appell wegen steigender Mieten.

Es sind dramatische Zahlen, die 138 Künstler kürzlich in einem Brandbrief an Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) und weitere Bezirkspolitiker öffentlich machten. „Waren vor einem Jahr noch etwa 400 Kunst- und Kulturschaffende mit Atelier, Studio oder Werkstatt in Schöneweide ansässig, sind es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch schätzungsweise 300. Über die Hälfte von ihnen ist akut bedroht, entweder durch deutliche Mietsteigerungen oder anderweitige Nutzungspläne der Eigentümer“, beklagen die Mitglieder der Kreativszene. Vom Funkhaus Nalepastraße bis zu den Spreehöfen drohe die Verdrängung durch steigende Mieten.

Neue Flächen

Die Unterzeichner des Briefes fordern deshalb die Flächenfestschreibung für Kulturstätten oder die Sicherung bestehender und die Bereitstellung neuer Atelierflächen. „Die Politik könnte etwa einen Dialog zwischen Eigentümern und Künstlern moderieren, über baurechtliche Vorgaben Ateliers und Kulturräume sichern und in Kombination mit Fördermitteln bezahlbar halten und über die Entwicklung landeseigener Liegenschaften Verdrängte auffangen“, sagt auch Florian Schmidt, Atelierbeauftragter des Berufsverbandes Bildender Künstler (bbk) in Berlin. So gebe es aktuell viele Flächen, die in Schöneweide erschlossen werden könnten. „Hier müssen alle schnell an einem Strang ziehen, damit keiner das Quartier verlassen muss“, sagt Schmidt. Mit dieser Doppelstrategie aus Einflussnahme und Dialog mit den privaten Eigentümern vermieteter Ateliers sowie der Nutzung landeseigener Liegenschaften könnte der Kulturstandort Schöneweide nachhaltig gesichert werden, glaubt er.

Mietverträge verlängert

Tatsächlich will Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) den Künstlern helfen. Zwar werde es kaum möglich sein, bereits existierende Fördermaßnahmen „noch zusätzlich aufzusatteln“, sagt er. Die in dem Brief genannten Forderungen seien aber bereits Praxis des Bezirksamtes oder von ihm in Gesprächen mit den Künstlern zugesagt worden. Igel hat sich zudem in die Diskussion zwischen Künstlern und Vermietern eingeschaltet. Er mahnt zur Differenzierung und Aufrechterhaltung des Dialogs. „Die Vermieter weisen eine große Abwanderung von Künstlern aus ihren Häusern zurück. Gleichzeitig seien zum Teil sogar ohne Mietsteigerung Verlängerungen von Mietverträgen vereinbart wurden“, sagt Igel. In seinem Auftrag hat das Regionalmanagement Schöneweide eine Analyse der Situation erstellt. Die Abarbeitung dieses „Masterplans“ werde aber nur mit personeller Unterstützung möglich sein, so der Bezirksbürgermeister.

Philip Aubreville, Bild: imago/Jürgen Ritter