Weinlese im Kiez

Bezirkswein schmeckt wie Prenzlauer Berg.

Nun ist die Barnimhochkante in Prenzlauer Berg sicher nicht die beste Weinlage Deutschlands. Aber immerhin stehen dort 750 Rebstöcke und warten darauf, dass ihre Trauben zu Wein werden. Und wie bei jedem guten Tropfen gelten auch für den Pankower Riesling klare Regeln: Nur die Trauben bis zur Mitte der Weinstöcke lesen, die oberen machen den Wein sauer. Bei zu viel Edelfäule die Trauben einfach fallenlassen – in der Kelterei sollen später höchstens fünf Prozent der Beeren den charakteristischen Blauton der Edelfäule haben. Und: Vorsicht vor Wespen.

Winzerbrotzeit inklusive

cr_lvs_pa_42_weinlese2-1Mit diesem Insiderwissen haben sich vergangenes Wochenende Weinliebhaber aus der Nachbarschaft mit ihren Familien zur Lese mitten in Berlin getroffen. An der Sortierstation nehmen die Helfer alle Trauben nochmal in die Hand. „Das ist wie Meditation, andere zahlen dafür“, sagt einer. Die zünftige Winzerbrotzeit mit Gegrilltem, Kürbissuppe, Kuchen und natürlich einem kräftigen Schluck Wein schmeckte trotz des nasskalten Wetters allen. „Berlin hatte eine große Weintradition, bis der eisige Winter 1740 mit etwa 40 Grad unter Null die kompletten Weinstöcke vernichtete“, erzählt Wolfgang Krause vom Förderverein „Weingarten Berlin“. Bis dahin war Berlin sogar Wein-Exporteur, insbesondere die Hügel der Barnimhochkante standen früher für den Weinbau. Und deshalb hat der Verein auch genau dort 1999 die Riesling-Rebstöcke gepflanzt. „Wir haben die Rebsorte mit ihrem sehr komplexen Geschmack damals vor allem als Weinliebhaber gewählt“, sagt Krause, Gartenschere und Traube in der Hand. Riesling sei ein anspruchsvolles, zartes Pflänzchen, das zur Reife intensiver Plege bedürfe. Für die klimatischen Bedingungen in Berlin würden sich Sorten wie Regent oder Solaris wegen ihrer kürzeren Reifezeit zwar besser eignen. Die Weinprobe des Jahrgangs 2014 zeigt jedoch: Berlin kann auch Riesling. Jeder Schluck schmeckt wie Prenzlauer Berg.

Am Ende wird geteilt

Auch wenn die Lese mit 450 Kilogramm dieses Jahr nicht besonders üppig ausfiel, verspricht der Jahrgang 2016 dank des sonnigen Altweibersommers Ende September doch noch ein erfolgreiches Tröpfchen zu werden. Im Meissner Weinhaus des Prinzen zu Lippe wird der Wein gekeltert und abgefüllt, bevor er im kommenden Jahr schließlich zurückkommt. 450 Flaschen mit je 0,5 Litern des exklusiven Bezirksweins werden es am Ende ungefähr sein. Die werden brüderlich zwischen Verein und Bezirk geteilt. Der eine Teil hat die Arbeit, der andere stellt die Flächen für den Weinbau.

Daniel Seeger, Bilder: Ranko Janz