Fräulein Brehm studiert den Hering

Barbara Geiger inszeniert im neuen Stück einen Fisch.

Um der Fortpflanzung von Regenwürmern gerecht zu werden, benutzt man die Namen von zwei Gottheiten, Hermes und Aphrodite…“, ruft Fräulein Brehm mit erhobenen Armen, den Blick nach oben gewandt. „…Kommt heraus der Hermaphrodit.“ Voller Inbrunst beschreibt sie auf der Bühne des Ökowerks am Teufelssee den Regenwurm, der als Zwitterwesen mit weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen gesegnet ist. Hinter Fräulein Brehm steckt die Schauspielerin und Autorin Barbara Geiger. In ihrer ungewöhnlichen Theaterreihe, „Fräulein Brehms Tierleben“ hat sie seit 2008 inzwischen neun heimischen Tierarten ein Denkmal gesetzt. Jedes Jahr werden die Stücke nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisiert und inzwischen von den zehn Schauspielerinnen rund um den Globus aufgeführt, mit Übersetzungen unter anderem ins Italienische, Japanische, ins Hindi und natürlich auch ins Englische.

Für ihr Engagement wurde das Ensemble jetzt sogar mit dem Berliner Naturschutzpreis ausgezeichnet. In der zehnten Inszenierung hat sich Geiger bereits wieder in eine neue Spezies vertieft: dem Clupea harengus, zu deutsch Hering. „In den kommenden Wochen fahre ich in Stralsund mit den Fischern zur See und höre mir an, was die für Nöte plagen“, sagt Geiger. Die Nöte der Nordsee-Heringe kennt die Schauspielerin und Autorin aufgrund ihrer Recherche inzwischen gut. Lärm durch Schifffahrt oder Windkraft setzt nicht nur dem Schweinswal, sondern ebenso dem Hering zu. „Heringe verständigen und orientieren sich durch ganz sachte, leise Fürze und haben dafür ein unglaublich gutes Gehör“, weiß Geiger. Dabei müssten gerade die Heringe besonders geschützt werden, denn trotz Fangverbote haben sich die Bestände nie wirklich erholt, sagt Geiger. Heringe fressen das Plankton, sobald es im Frühjahr in der Nordsee in Massen aufsteigt. Doch was passiert, wenn der Nahrungszyklus unterbrochen ist, weil ein Glied – der Hering – in der Kette fehlt. „Alles hängt mit allem irgendwie zusammen – und der Mensch denkt immer, er kann es regeln“, sagt Geiger.

Am 1. Januar 2017 möchte Geiger eine Vor- oder Werksschau zum Hering präsentieren – der Text steht bis dahin zwar, die Aufbereitung oder Bildkompositionen werden allerdings noch in Arbeit sein. „Diesmal werde ich die Phantasie der Zuschauer ganz besonders beanspruchen“, sagt Geiger mit den leuchtenden Augen einer Schaustellerin. Ein sinnlich akustisches Erlebnis schwebt ihr vor, inklusive Heringsfurz. Die Uraufführung des Clupea harengus ist spätestens für den April 2017 geplant.

Daniel Seeger, Bild: Stiftung Fräulein Brehms Tierleben gGmbH