Gefangen in bitterer Not

Kältehilfe: Quartiere in Außenbezirken wie Reinickendorf nur in kalten Nächten ausgelastet.

Wer sehen will, der sieht: Die Not auf Berlins Straßen wächst. Zwischen 3.000 und 6.000 schätzen Senat und Wohlfahrtsverbände die Zahl obdachloser, dauerhaft im Freien lebender Menschen. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Hinzu kommen mehr als 10.000 Wohnungslose, die in Notquartieren der Bezirke vorübergehend eine Bleibe finden. Alle mit ganz persönlichen Geschichten des sozialen Abstiegs. Alle gestrandet an der untersten Stufe bitterster Not. Während sie in der wärmeren Jahreszeit in Parks, auf Straßen und an anderen Orten „verschwinden“, sind sie mit beginnendem Winter hochgradig auf Hilfe angewiesen.

Notschlafplätze fehlen

Vom 1. November bis 31. März bietet die Kältehilfe diesen Schutz. In ihr haben sich bereits vor mehr als 20 Jahren Sozialsenat, Bezirke, Kirchen und Verbände zusammengetan, um den Kältetod auf der Straße zu verhindern. Für diese Saison einigten sich die Träger auf rund 700 Notschlafplätze; mindestens 800 wären jedoch nötig. Das allgegenwärtige Problem ist die Finanzierung. Etliche Einrichtungen wären längst am Ende, wenn es nicht die vielen Freiwilligen und großzügigen Spenden gäbe. „Gegenüber dem Vorjahr haben wir die Mittel pro Übernachtung um zwei auf jetzt 17 Euro aufgestockt“, sagt Regina Kneiding, Pressesprecherin der Berliner Sozialverwaltung. Sie weiß, dass rund 23 Euro nötig wären, doch dafür ließen sich bisher keine politischen Mehrheiten finden. „Zwar ein wichtiger Schritt“, befindet die Direktorin des Berliner Caritasverbandes, Ulrike Kostka. „Doch für eine kostendeckende Arbeit brauchten die Notquartiere mindestens 25 Euro pro Obdachlosem und Nacht.“ Sie ist es leid, seit Jahren mantraartig darauf hinzuweisen und fordert endlich einen Durchbruch. „Im Vorjahr konnten wir jedem, der ein Nachtquartier suchte, eines anbieten. In diesem Winter können wir das nicht
garantieren“, befürchtet sie.

Selten voll

Die Notquartiere in den Außenbezirken Berlins sind weniger stark besucht. „Obdachlose bleiben lieber innerhalb des S-Bahnringes. Plätze fehlen vor allem in der Innenstadt“, sagt Iris Kallin vom Kirchenkreis Reinickendorf. Mit rund 40 Schlafplätzen ist die Kälte-Unterkunft der Berliner Stadtmission in der Kopenhagener Straße die größte im Bezirk. Doch voll sei es hier nur in den kältesten Nächten. In der Jahnstraße unterhält der Kirchenkreis auf einem Grundstück der Kirchengemeinde Hermsdorf ein Gute-Nacht-Café. Doch die Zeiten, da hier Männern und Frauen eine heiße Dusche, Mahlzeit und Nachtlager geboten wurden, sind längst vorbei. Nur noch zwei Männer logieren hier regelmäßig. „Wir überlegen, das Einfamilienhaus anderweitig zu nutzen“, sagt Kallin. „Auf alle Fälle diakonisch und sozial. Die Gespräche zwischen Gemeinde und Kirchenkreis laufen.

Jürgen Zweigert, Bild: Charles Yunck