AfD verteidigt Pöbelattacke

Nicolas Seifert attackierte ZDF-Satiriker auf einer Demo in Berlin.

Vor rund einem Jahr schickte die ZDF-Satiresendung „heute show“ ihren Außenreporter Ralf Kabelka zu einer Berliner AfD-Demonstration, auf dass er dort – es war der 11.11., der Tag des Karnevalbeginns – im Clownskostüm ein paar Stimmen einfange. Die ganze Sache fanden die Befragten höchstens mäßig lustig, denn die Antworten der demonstrierenden AfD-ler waren auch gegenüber dem verkleideten Kabelka nicht anders als sonst. Doch dann taucht plötzlich ein junger Mann auf und riss dem ZDF-Reporter die Clownsperücke vom Kopf. Beim Versuch Kabelkas, sich das Teil zurückzuholen, rastet der AfD-Jüngling aus… Der Mann mit dem erheblichen Aggressionspotenzial heißt Nicolas Seifert und wurde von der Pankower AfD als Kandidat für das Bezirksamt präsentiert. Seifert soll dort unter anderem das Ordnungsamt leiten.

AfD rechtfertigt Übergriff

cr_lvs_pa_seifertNicolas Seifert hat seinen körperlichen Übergriff auf einen Reporter des ZDF-Satiremagazins „heute show“ inzwischen verteidigt. „Das Auftreten des Mannes vom ZDF mit der Clownskappe war eine Unverschämtheit“, sagte er unserem Schwesterblatt Berliner Zeitung.. „Die AfD-Demonstranten hatten ein ernsthaftes Anliegen.“ Kabelka habe dieses auf unakzeptable Weise verunglimpft und die Menschen immer wieder durch Angriffe auf persönlicher Ebene provoziert und beleidigt. „Dies war eine Diffamierung von und Propaganda gegen AfD-Wähler, die als Satire und Berichterstattung getarnt war.“ Der Berliner Landesverband der AfD sowie Pankows AfD-Chef Ronald Gläser stehen ihrem Mann zur Seite: „Ein ZDF-Reporter, der sich als Clown verkleidet und unsere Kundgebung als Karnevalsveranstaltung charakterisiert, darf sich über solche Reaktionen nicht wundern. Sein Auftritt war eine einzige Provokation.“ Der Vorsteher der Pankower Bezirksverordnetenversammlung, Michael van der Meer (Die Linke), hingegen zeigte sich gegenüber dem Boulevardblatt BZ sichtlich empört. „So etwas geht gar nicht“ zitiert das Blatt den BVV-Vorsteher, „sonst haben wir hier irgendwann Erdogan-Verhältnisse“. Seifert habe mit seinem Übergriff gegen einen Grundpfeiler unserer Demokratie verstoßen – die Pressefreiheit. „Das wird er sicher in der nächsten BVV-Sitzung erklären müssen.“ Stefan Gelbhaar, grüner Abgeordneter aus Prenzlauer Berg und stellvertretender Fraktionvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, reagierte via Twitter auf den satirisch gemeinten Vorschlag der Prenzlberger Stimme, eine mögliche Wahl Seiferts mit einer Verpflichtung zur Absolvierung eines Antiaggressionstrainings zu koppeln, mit der Frage, ob Seifert überhaupt wählbar ist. Dass über den Vorfall erneut diskutiert wird, überschattet Seiferts Stadtratsambitionen. Denn schon beim ersten Wahlgang am 27. Oktober fiel er durch. Er bekam da nur acht Stimmen, vermutlich von seiner Partei, 41 Verordnete stimmten gegen ihn, fünf enthielten sich.

Wahl überschattet

Der Wirtschaftsingenieur und Projektmamanager hatte seine Kandidatur entgegen aller politischen Gepflogenheiten erst kurz vor der ersten Sitzung des Bezirksparlaments bekannt gegeben. Er hatte sich zudem nicht persönlich in den Fraktionen vorgestellt, weil er noch im Urlaub war. In dieser Woche wollte Seifert Versäumtes in den Fraktionen nachholen. Ob es damit zum Stadtrat reichte, entschied sich auf der BVV am Mittwoch – und damit nach Redaktionsschluss.

odk/mh, Bild: Olaf Kampmann