Entdecker aus der Wunderkammer

Galerie M sorgt mit der „Unholdt-Box“ für einen weiteren Kunst-Coup.

„Bei den Tiefbauarbeiten zur IGA im vergangenen Jahr wurde diese Holzkiste mit der Aufschrift „Unholdt-Box“ gefunden“, erklärt Maurice de Martin die Grundlage seines neuesten Kunst-Coups, den er gemeinsam mit 15 Marzahner Nachbarn seit April vorbereitete und vor wenigen Tagen in der Galerie M an der Marzahner Promenade der Öffentlichkeit präsentierte. Sensationelles Originalmaterial zum Leben und Werk Unholdt von Humboldts soll in der Kiste gewesen sein. In zahlreichen „Verbalnoten“ habe der bislang unbekannte Bruder des berühmten Berliner Wissenschaftlers detaillierte Pläne zum Bau einer Wunderkammer hinterlassen, aus denen nun zahlreiche künstlerische und kunstvolle Werke geschaffen wurden, die die Besucher noch bis Anfang des nächsten Jahres in der Galerie M bestaunen können.

Nur ausgedacht

Diese Geschichte, die nach Jux klingt und wie Karneval aussieht, hat sich Maurice de Martin gemeinsam mit seinen Mitstreitern natürlich nur ausgedacht. Halb so schlimm – denn die Ergebnisse, die das „Forscherteam“ im Auftrag des bislang „unbekannten Humboldt-Bruders“ dichteten, sind vielseitig, fantasiereich, lustig und politisch. Neben einer architektonischen Vision zur Überquerung des Müggelsees gibt es eine eigens zusammengestellte Sprachschatzvariante zu bestaunen. Ein eigens gemischter Schnaps ist in der Verkostung und ein in Öl gemaltes Gemäldetrio – kurz Tryptichon – erinnert an politische Randerscheinungen, die beim Rückweg der Expedition zum imaginären Berg „Chimborazo-Marzahno“ beobachtet werden konnten. Assoziationen zum Marzahner Kienberg, der wegen der IGA 2017 derzeit abgesperrt ist, dürften dabei durchaus gewollt gewesen sein.

Viel Klamauk – mag der Betrachter meinen, der die Details wie die Wuhle-Sardine in der Dose oder die Tuschezeichnungen des chinesischen Künstlers „Ai Wiewie“ zu schnell überfliegt. Dass ausgerechnet der Name Humboldt auch in der Ausstellung der Galerie M eine zentrale Rolle spielt, ist aber Teil des Gesamtkonzepts, das Maurice de Martin bereits seit 2012 mit diversen Kunstaktionen im Bezirk durchgeführt hat und die durchaus eine Botschaft beinhalten.

Kollektives Kunstwerk

Nachdem er bereits vor vier Jahren Kaffeefahrten für Zentralberliner Kulturkonsumenten hierher organisiert hatte, erforschte er mit der Aktion „Maurice ist da!“ im Jahr 2013 den Kunst- und Kulturbedarf im direkten Gespräch mit Marzahner Bürgern – bei Kaffeekränzchen, Haushilfsarbeiten und Kunstaktionen sammelte er die Ergebnisse. 2014 folgte schließlich das kollektive Kunstwerk „Temporäre Kunstakademie Marzahn“, in der er lokalen Künstlern sogar Studienabschlüsse an der eigens ins Leben gerufenen Akademie für deren künstlerische Initiative überreichte. Mit dem Unholdt-Forum – kurz UFO – gab es nun in den vergangenen Monaten den Denk- und Arbeitsraum, der „sich über die Parodie eines gewissen Projekts im Zentrum unserer Stadt“ mit einer Teilhabe an Kultur auch am Berliner Stadtrand auseinandersetzt.

Autor und Bild: Stefan Bartylla