Klappe halten, Klavier spielen: Chilly Gonzales im Kino

Chilly Gonzales

„Shut Up and Play the Piano”: ein Film, der so ist, wie Chilly Gonzales selbst.

Gefeierter Pianist, passionierter Morgenmantel-Träger, größenwahnsinniger Entertainer, Egomane, Exzentriker: Würde man Chilly Gonzales in jeder Hinsicht ernst nehmen, wäre er wohl ziemlich unsympathisch. Tatsächlich ist er eine der liebenswertesten Figuren des Musikbusiness, die mit ihrem Publikum noch besser spielt als auf den Tasten des Klaviers. Die Dokumentation „Shut Up and Play the Piano“, die am 20. September in die Kinos kommt, wagt sich an ein Porträt.

Wilde Berliner Jahre

Der Kultstatus von Chilly Gonzales ist in Berlin noch einmal größer als anderswo, man sieht ihn gerne als einen von hier. Auch wenn der gebürtige Kanadier heute in Köln lebt, ist da zumindest teilweise etwas dran: Seine Berliner Jahre im Experimental-Art-Punk-Was-auch-immer-Underground und seine enge Zusammenarbeit mit Electroclash-Ikone Peaches haben ihn als Entertainer geprägt. Auch wenn er den Status als König des Berliner Underground, zu dem er sich einst selbst ernannte, nie wirklich erreichte. Im Film kann man „Gonzo“ bei seinen Exzessen im Berlin der späten 90er-Jahre zusehen, Wegbegleitern wie Peaches und Leslie Feist in Interviews dabei schwärmen hören, wie sehr sie und Chilly sich gegenseitig inspiriert haben. Der Film begleitet ihn bei der Rückbesinnung auf seine Wurzeln, die in einer klassischen Musikausbildung liegen.

Chilly Gonzales mit Peaches in seinen Berliner Jahren.

Chilly Gonzales mit Peaches in seinen Berliner Jahren. Bild: Rapid Eye Movies & Gentle Threat

Die Essenz seiner Figur erhält er dennoch: Selbst beim Konzert mit dem Wiener Rundfunk-Symphonieorchester, von dem es viele Ausschnitte zu sehen gibt, dominiert der anarchische Entertainer. Trotz seines Erfolgs als Musiker und Grammy-gekürter Produzent: Die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule würde er wohl nicht schaffen, heißt es in einer Filmszene. Aber Pianisten, die Rachmaninow spielen könnten, würden auch nicht das können, was Chilly Gonzales kann: Sein Publikum unterhalten, wie kein anderer.

Kaum Privates, nur Chilly Gonzales

Eines ist „Shut Up and Play the Piano“ nicht: Ein Film über Jason Beck, wie die Person hinter der Kunstfigur mit bürgerlichem Namen heißt. Privates kommt nur am Rande vor, es geht fast ausschließlich um die schillernde Bühnengestalt, die er sich geschaffen hat. Das ist nur eine und vielleicht die größte Schwäche des Regiedebüts von Philipp Jedicke, der sich im Umgang mit der Showbusiness-Größe etwas zu vorsichtig verhält. Er erzählt die Geschichte, die ihm das Wesen seines Protagonisten vorgibt. Wer wirklich etwas über Jason Beck wissen möchte, ist deshalb auf die Texte der Lieder seiner Kunstfigur angewiesen.

Schrille Achterbahnfahrt

Davon gibt es in den 82 Leinwand-Minuten viele zu hören, und so ist der Film schon musikalisch ein Leckerbissen. Trotz Schwächen hat „Shut Up and Play the Piano“ vieles zu bieten. Fans erster Stunde werden kaum Neues erfahren, doch bietet sich ihnen wie allen anderen Neugierigen eine schrille Achterbahnfahrt aus Archivaufnahmen und Interviews, Konzertausschnitten und fiktionalen Filmepisoden. Und in den Berlinern werden die Erinnerungen an die Hauptstadt-Jahre nostalgische Gefühle wecken.  Der Film „Shut Up And Play The Piano“ hat vieles gemeinsam  mit Chilly Gonzales: Meistens laut und manchmal still und reflektiert, sympathisch, schillernd, ironisch, komisch, anarchisch. Auch mit Schwächen, aber clever. Und vor allem gutes Entertainment.

17.09.2018, Text: Oliver Schlappat, Titelbiild: Nina Rhode